Ein Protokoll über das Nicht-Merken
I
Bestimmt ein Nachbar
Mir fehlt ein Sandwich zum Picknick. Im übertragenen Sinne. Klar. Aber auch so: Ich stehe morgens auf und beginne den Tag wie einen Satz ohne Verb. Gehe durch Räume und bemerke nicht Wesentliches. Eher die Nuancen des Unwichtigen. Das bin ich. Meine romantischen Sensoren sind so verstellt, dass selbst die grellsten Signale an mir vorbeiziehen. Letzter Aufruf. Gate schließt. Das ganze Programm.
Sie ist da. Immer schon. Die ganze Party. Mit Augen wie Stroboskope, Blicke, die andere Männer sofort umgehauen hätten. Ich aber? Weiche aus. Instinktiv. Wie man Werbung wegklickt. Kunstvoll fast, diese Ahnungslosigkeit. Sie bewegt sich an mich heran. Tequila, Vanille, die ganze Chose. Die Luft knistert. Ich schaue auf ihre Beine, versuche was Cooles zu sagen, aber mein Mund spuckt nur aus: „Hey, du hast ’ne Hose an?“
Sie steckt mir einen Zettel mit ihrer Nummer unter den Scheibenwischer meines Ford Explorer. Herzchen. Das volle Programm. Ich finde ihn morgens, halte ihn knapp am Licht vorbei: „Bestimmt ein Nachbar. Wegen parken. Werden auch immer aufdringlicher, die Leute.“ Ungelesen.
So einer bin ich. Drink in der Hand, Nebel im Kopf. Cooler Kerl. Aber ihre Signale? Weg. Verschwunden. Ich bin wie ein Köter ohne Witterung.
II
Schöne Pfeile
Mir fehlt ein Bier im Sixpack. Am Lagerfeuer bewegt sie sich für mich. Langsam. Einladend. Flammen, Schatten, das Spiel. Ich kratze mich am Kopf: „Alles klar bei dir?“
Ihr Blick: Warnblinker. Sie selbst: ein einziger Flirt auf zwei Beinen. Und ich? Bier in der Hand. Ich frag nach Feuer und zünde mir nur die Zigarette an. Die Funken am Himmel erscheinen mir wichtiger.
Die Wochen ziehen ins Land, und sie wird verzweifelter. An der Bar kritzelt sie ein paar Worte auf eine Serviette. Dünnes Papier, weiche Hand. Ich nicke, wische meine Cola damit auf, werfe das Ganze weg. So läuft das manchmal. Mein Gehirn: nur Rauschen. Jede romantische Frequenz überlagert von – ja, von was eigentlich? Ich weiß es nicht.
Und sie? Sie wirft mir Liebe zu wie Dartpfeile im Dunkeln. Zielt auf mein Herz und trifft ins Leere. Immer wieder. Ich stehe da, und die Pfeile fliegen an mir vorbei, und ich denke: schöne Pfeile. Interessant.
III
Cooler Kerl
Mir fehlt ein Ziegelstein in der Wand. Ich bewege mich durch die Liebe wie ein Tourist ohne Stadtplan. Überall Schilder. Ich sehe nichts. Nur Statik.
Sie tanzt. Grelles Licht. Schweiß wie nach dem Joggen auf ihrer Haut. Ich zähle gedanklich die Dellen in meinem Skateboard. Dreizehn. Wichtig. Sie lehnt sich zu mir. Warmer Atem. Leuchtende Augen. Hier hätte man sich küssen können. Ich betrachte ihre Lippen, suche nach Worten.
„Hey Süßer“, flüstert sie, „lass uns die Nacht anzünden.“ Ich nicke: „Cool. Tiefe Gespräche. Auf zur Burgruine.“
Mein Schädel: Granit. Ihre Zuneigung prallt ab wie eine Frisbee an der Wand. Falsch abgelenkt. Ich stolpere durch ihre Avancen wie ein betrunkener Akrobat. Kein Netz. Kein Boden. Keine Ahnung. Sonst komm ich klar. Nur hier nicht.
IV
Mit ihr
Ich verliere den Faden. Immer wieder. Sie spinnt ihn neu, und ich lasse ihn fallen.
Und dann kommt dieser Tag. Das Picknick.
Die Sonne steht tief über der Wiese, alles riecht nach Gras und ein bisschen nach Diesel von den Traktoren. Auch Vanille, und noch etwas. Sie breitet die karierte Decke aus, und ich denke an nichts. Das ist mein Talent. An nichts denken, während alles passiert.
Sie teilt das Sandwich mit mir. Reicht mir ein Bier. Die Flasche ist kalt und nass, und sie sagt: „Komm schon. Versuch’s einfach.“
Sie strahlt. Sie schaut mich an, anders als sonst. Sie lächelt, und ihr Lächeln ist eine Ohrfeige.
Dann trifft es mich.
Auch noch ein Ziegelstein. Direkt an den Kopf. Die Statik löst sich auf. Das Rauschen hört auf. Der Nebel zieht ab. Und plötzlich sehe ich sie. Zum ersten Mal wirklich. Nicht als Kumpel. Nicht als irgendwen. Als Frau. Als die Frau, die mich will. Die ich will. Die ganze verdammte Zeit.
All die Sandwiches, die Biere, die Ziegelsteine, die ich übersehen habe. All die Dartpfeile, die knapp an mir vorbeigeflogen sind. Plötzlich ergibt alles einen Sinn.
Sie grinst. Ich kapier’s. Die Liebe schlägt ein wie der Wecker am Montag. Wie der Schlüssel, der die ganze Zeit in meiner Tasche war.
Sie hat mir ein Seil zugeworfen. Immer wieder. Ich will was sagen, aber alles ist schon gesagt. Scheiß drauf. Kuss. Und jetzt, an diesem Abend, auf dieser Decke – jetzt endlich greife ich fest zu. Sie schließt die Augen, schmilzt, endlich dran. Lässt los.
Die Sonne verschwindet hinter den Bäumen. Irgendwo fährt ein Auto vorbei. Und ich liege da und weiß, wo ich bin. Mit ihr.
–
Frederik Rentrop
2009