Flutmond

Sie stolpert durch die Stunden,
Kopf schwer, Sicht nur ein Spalt.
Raus will sie, raus aus dem Käfig.
Sie sieht es nicht. Will es nicht sehen.

Sehnsucht glimmt. Dunkel zieht sie tiefer.



Sie ist nah, wieder weg, scheu wie ein Streuner.
Ich flüstere von Straßen, Nebel, Flucht.

Sie hört hin, und etwas bewegt sich.
Ihr Herz schlägt schnell, ein neuer Takt.
Ein Gedanke greift, nimmt sie mit.
Glut, noch kein Feuer.

––

Ihr Blick brennt, Funken in der Luft.
Stille wird hörbar, ihr Zweifel sinkt.

Sie will Sturm – roh, ohne Schmuck.

Sie kehrt sich um, das Scheue zeigt sich,
wölbt sich, gibt preis.
Sie atmet auf.
Dunkelheit bricht auf – ich dränge vor, ein Ruck.
Ein Zögern – das sich löst.

Strom bricht los, wild und zart zugleich.
Schmerz blüht, sie errötet. Sie atmet tief.
Pein wird Lust.

––––

Das Meer rauscht in meinem Kopf.
Die Wand reibt an ihrer Schläfe.
Ihr Leib glüht – vertraut und fremd.
Klar und gefährlich.

Ihr Kinn hebt sich, zeigt Hals. Mein Druck, der wiegt.
Begierde steigt, süß und falsch.

Die Flamme tanzt auf Glut.
Sie folgt – wird Wort, wird echt.
Ihr Schrei zerreißt die Luft.
Zwei Ströme in einem Fluss.
Das Beben macht sie frei.

––––––––
Und über allem hängt der Flutmond.
Er hält. Die Erde ruht unter ihr.

Die Nacht bricht ein. Sie bleibt – getragen.

Und sie weiß.



Frederik Rentrop
2015