Von Frederik Rentrop
- White Label
- B-Side
- Locked Groove
- Deleted
- Test Press
- Limited
- A-Side
- Reissue
- Direct Cut
White Label
Herbst. Halle an der Saale. Giebichenstein. Pflastersteine unter den Schuhen, gelbe Straßenbeleuchtung, die Felsen – Kultur in Laufweite. Ich will es genau so. Form vor Funktion.
Jetzt die erste Wohnung in dieser Stadt, noch keine Routine, dafür ein Zuhause. Die Hoffnung, dass Ortswechsel Veränderung bedeutet – was natürlich Unsinn ist, weil man sich selbst mitbringt. Immer. Zehn Wohnungen in dreizehn Jahren – keine wurde Heimat. Ich nannte es Bewegung.
Davor im The Niu – immer im vorletzten Stockwerk. Im obersten hörte ich die Air Conditioning auf dem Dach. Das Frühstück war gut, ich saß lange dort – länger als nötig, um in den Tag zu kommen, bevor ich mich in die Stadt stürzte und versackte. Zurückgefunden habe ich meistens. Manchmal bin ich irgendwo aufgewacht, Handy leer, und dann immer weiter bis zur nächsten großen Straße.
Ich kenne Halle schon lange, als Gast, als Durchreise. Diesmal bleibe ich. Dann eine Frau hier. Eine Party in Giebichenstein. Balkon, obwohl es kalt ist. Sie gibt mir eine Club Mate, als sie merkt, wie viele Biere ich hatte. Grübchen in den Wangen, wenn sie lächelt. Wir reden über Musik. Ich zeige ihr Tindersticks, sie mir Portishead. Diese Stadt, die Orte, dann mehr. Sie will schnell alles wissen. Über mich. Ich über sie. Ich rede selten über mich – an diesem Abend erzähle ich. Sie auch. Wir stehen den ganzen Abend draußen. Drei Monate. Es funktioniert. Und doch – ich denke gerade nicht an sie, sondern an –
– – – –
Damals. 2014. lit.Cologne Festival, Lyrik-Veranstaltung, Ende des Abends. Sie studierte Kunstgeschichte, arbeitete nebenbei in einer Galerie. War einige Jahre zuvor in diese Stadt gekommen. Sagte nie genau warum. Ihr erster Satz war nicht „Hallo“, nicht „Wie heißt du?“, sondern: „Heidenreich redet gut, aber sie redet zu viel dazwischen.“ Ein Lächeln. Kurz. Als hätte sie sich dabei ertappt. „Aber genau das macht es gut. Ehrlich. Als würde sie mit dir reden, nicht zu dir.“
Ich mochte sie sofort. Jemand, der keine Zeit für Höflichkeiten verschwendet. Ihre Finger kreisten an ihrem Oberschenkel, während sie redete.
„Du magst sie.“
„Ja. Hab ich vorher nicht. Hab nur ein Buch gelesen. Aber die Art, wie sie redet … als wäre das ihr Wohnzimmer und wir alle ihre Gäste. Das kommt an.“
„Du bist wegen ihr hier?“
Kurzes Grinsen. „Und du? Was machst du hier?“
Wir gingen in eine Bar. Tranken Wein. Erst einen, dann zwei, dann fünf. Redeten über Schriftsteller, warum Guinness besser ist als jedes deutsche Bier – meine Meinung, nicht ihre – und über Kölsch, das ich nicht als echtes Bier betrachtete, woraufhin sie mir mit einer Mischung aus Belustigung und Überzeugung klarmachte, dass ich keine Ahnung hatte. Und genau das gefiel mir.
–
Kölsch im Stehen, Pizza im Gehen. Wir fressen die Nacht, die Nacht frisst zurück.
– –
„Wohnzimmer sind zu offen für die Gedanken“, sagte sie. „Zu nah. Man sieht zu viel von sich selbst.“
„Bars sind da besser“, sagte ich.
„Viel besser.“
„Weil?“
„Weil hier jeder sein eigenes Wohnzimmer mitbringt. Und keiner redet darüber.“
„Außer wir.“
„Wir reden nicht. Wir umkreisen.“
„Das ist auch reden.“
„Nein. Das ist sicherer.“
Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. Ich legte meine auf ihren Schenkel.
So fing es an.
–
Erzähl mir das Ende dieser Geschichte, noch bevor sie sich selbst schreibt. Nur ein Stück, gerade genug, um zu ahnen, wer du wirklich bist: unter deiner Haut, hinter deinem Lächeln, in deinen Augen, die sich öffnen, dann blitzen, kurz schließen, und dann brennen. Als wüsstest du’s nicht, dass ich dich gerne lese, so wie man nachts von einer Push-Nachricht geweckt wird und sich trotzdem freut, und sich den Rest für den Morgen aufhebt.
– –
Ich nannte sie Blitz. Häufig. In einer schönen Sprache. Sie brachte es mir bei, oft, und ich sprach es jedes Mal falsch aus. Das Wort, die Aussprache, das chochende R. Weil sie so war: plötzlich da, hell, gefährlich.
– –
Mai. Ihre Wohnung. Der Plattenspieler lief. Suedehead. Sie saß auf dem Boden, sortierte Schallplatten.
„Welche suchst du?“, fragte ich.
„Nichts Bestimmtes. Ich sortiere nur.“
„Nach was?“
„Gefühl.“ Sie hielt eine Platte hoch. „Die hier ist Herbst.“
„Und die?“
„Sommer. Auf jeden Fall.“
Ich setzte mich neben sie. Wir redeten über Jahreszeiten. Über Winter.
„Ich war noch nie in richtigem Schnee“, sagte sie. „Nur Regen. Grau, nass, endlos. Aber München im Winter. Oder die Berge dahinter.“ Ihre Stimme wurde lebhafter. „Richtige Kälte mit ganz viel Schnee. Alles weiß. Alles neu. Nicht nur diese feuchte Kälte, die durch alles durchgeht und nie aufhört. Ich will das mal sehen. Einfach – woanders sein.“
Sie zog eine Platte heraus. Hielt sie mir hin.
Ich sah das Cover an: Bon Iver, kahle Bäume.
„Die kenne ich nicht.“
„Die Stimme klingt wie – zerbrechlich, aber stark. I am my mother’s only one. Alles so nah.“ Sie legte die Platte zur Seite. „Ganz leise, das berührt mich.
Manchmal will ich genau das. Irgendwo sein, wo niemand ist. Nur Stille und Schnee.“
„Dann fahren wir“, sagte ich.
„Wann?“
„Nächsten Winter.“
Sie lächelte. „Versprochen?“
„Versprochen.“
Erst·satz·last
[essayistisch, selbstreflexiv]
Der erste Satz, der sofort ein Versprechen abgibt – und man weiß schon beim Schreiben, dass man es nicht halten wird.
Übertragen: Versprechen wird Lüge.
– – – –
B-Side
Täglich. Kein Ausrutscher, keine Phase – ein Lebensmodell. Eine Dekade plus drei Jahre als Soziotest, in denen alles mitgenommen wurde: Freude, Menschen, Partys, Gespräche, Musik, Körper, Orte, Literatur, Städte. Immer die gleichen Bars, verschiedene Namen. Lärm statt Stille. Darunter: Zurückhaltung, Traurigkeit, Isolation, Verfall.
Am Anfang hatte das Ganze noch Stil. Wein zum Essen, Whiskey danach. Die Flasche auf dem Tisch wie ein Gesprächspartner mit gutem Timing. Ich kannte Sorten, Herkunft, Aromen, sprach darüber mit der Ernsthaftigkeit von Leuten, die sich einbilden, Geschmack sei ein Charakterzug. Das Trinken hatte Vokabular, und Vokabular tarnt viel. Solange man Unterschiede benennen konnte, wirkte es nicht nach Kontrollverlust.
Re·gen·ver·zehr·ge·neh·mi·gung
[feuilletonistisch, selbstreflexiv]
Die selbst ausgestellte Erlaubnis, im Café noch einen Americano zu bestellen, weil es gleich regnen könnte. Meteorologie als Lebenshilfe.
Übertragen: Ausrede wird Methode.
–
Später dann der Whiskey, gleiches Prinzip. Der Schraubverschluss gibt nach, lange bevor man selbst nachgibt. Die Ausreden wurden elaborierter, je weniger sie trugen – irgendwann reichte schon die Möglichkeit von Regen, dann die Erinnerung an Regen, dann einfach nur die Existenz von Wolken. Die Progression war logisch, fast beruhigend in ihrer Konsequenz: Aus gelegentlich wurde regelmäßig wurde täglich. Eine Rutschbahn ohne erkennbaren Moment, an dem man aufhörte zu gehen. Und anfing zu fallen.
– –
Ich trank systematisch: erst Wein zum Essen, dann Whiskey danach, dann Whiskey zum Essen und danach. Über sechs Monate, vielleicht ein Jahr, bis die Rechtfertigungen überflüssig wurden. Man trank einfach. Punkt. Das war der entspannteste Moment der ganzen Sache. Der Stil verschwand, die Struktur blieb.
–
Es gab Abende, die von außen gelungen wirkten. Eine Bar mit guter Beleuchtung, jemand legt Soul auf, fünf Leute am Tisch, die klug genug sind, um einander nicht zu langweilen. Man redet über Politik, über Musik, über Persönliches, über Städte, in denen man einmal fast geblieben wäre. Ich konnte in solchen Nächten brillant sein – schnell, präsent, verbindlich, mit genau dem richtigen Maß an Selbstironie. Der Trick war simpel: immer leicht vor mir selbst bleiben. Solange die Sätze schneller kamen als die Gedanken, fiel nichts auf.
Erst gegen Ende des Abends, wenn die anderen langsamer wurden und ich nicht, kippte die Temperatur. Dann wurde aus Witz Wiederholung, aus Charme Druck, aus Gegenwart Lautstärke. Manche merkten das. Manche nicht. Ich fast nie.
Morgen waren eine Verhandlung. Zwischen dem Körper, der etwas wusste, und dem Kopf, der noch nicht zugeben wollte, was. Wasser. Kaffee. Fenster auf Kipp. Ein paar Stunden später war es wieder egal.
–
Alles klingt nach Jetzt, selbst was erst morgen ist. Wir hören nur: Weiter, weiter, weiter.
– –
Probenräume. Keller, Garagen, Hinterhöfe. Jede Band ein neuer Anfang. Erste Probe nüchtern, zweite Probe Whiskey im Rucksack, dritte Probe zu spät, vierte Probe kein neuer Termin. Manche hielten Wochen, eine hielt Monate – wir spielten The Stooges, fingen an, eigene Nummern zu schreiben. Irgendwann fehlte ich trotzdem. Das Ergebnis war immer gleich. Einer sagte: „Du bist gut, aber ich hab dich noch nie nüchtern erlebt.“ Irgendwann blieb mein Amp in irgendeinem Keller stehen. Ein Marshall JTM45 – Nachbau des ersten Amps, den Marshall je gebaut hat. Ich weiß nicht mehr, in welchem.
Freunde riefen an. Ich ging nicht ran. Nicht aus Trotz, sondern weil das Handy im falschen Moment klingelte – und der falsche Moment war immer. Geburtstage vergessen, Einladungen ignoriert, Zusagen gebrochen. Ich war sehr konsequent. Nicht einmal, nicht zweimal – so oft, dass sie aufhörten zu fragen. Das war der Deal: Sie hörten auf zu fragen, ich hörte auf zu lügen. Alle zufrieden. Niemand zufrieden.
Manche gingen leise, kein Streit, kein Ultimatum, nur Kontaktverlust. Erst die in Beziehungen, dann die, die selbst tranken, aber nicht so viel. Jemand sagte einmal: „Du bist anders geworden.“ Ich sagte: „Nein, ihr seid langweiliger geworden.“ Einer von uns hatte recht.
Jemand schrieb noch einmal. Kurz. „Meld dich, wenn’s besser wird.“ Ich dachte oft an diese Nachricht. Antwortete trotzdem nicht.
Ich merkte es nicht – das ist das Wesentliche. Ich merkte nicht, wie die Räume um mich herum kleiner wurden. Weil der Whiskey die Leere füllte – verlässlicher als jeder Mensch. Er war abends immer da, stellte keine Fragen. Verlangte keine Antworten. Er wollte nur geöffnet werden. Und ich wollte nur, dass jemand blieb. Es war die ehrlichste Beziehung, die ich hatte. Nur – irgendwann reichte es nicht mehr. Die Leere blieb, der Whiskey auch. Die Überschneidung wurde kleiner.
– – – –
Damals. Wir trafen uns zwei-, dreimal pro Woche. März, April, Mai, Juni, Juli, August – Das Muster war immer gleich: Ausstellung oder Museum als Auftakt, Bar als Ziel. Wir nannten es Kultur. Gespräche über Kunst, die klug wirkten, weil sie nichts kosteten. Dann Alkohol. Dann Sex.
–
Wir, beim Tanz auf der Glut, im Vulkan an einem Dienstag, komplett übermotiviert.
– –
Ausstellung, vor einem Baselitz, Mittwochnachmittag. Nach drei Gläsern.
„Warum macht er das?“, fragte ich.
„Was?“
„Warum malt er es verkehrt rum?“
Sie trat näher, Kopf schräg gelegt.
„Vielleicht will er, dass wir uns anstrengen. Dass wir uns selbst auf den Kopf stellen.“
Ich schwieg.
„Ich mag das. Dieses Umgedrehtsein. Es fühlt sich … ehrlich an. Als würde man plötzlich merken, dass man die ganze Zeit auf dem Kopf stand.“
„Und wenn man es nicht mehr umdrehen kann?“
Sie lächelte schräg. „Dann muss man lernen, so zu leben. Mit dem Blut im Kopf.“
„Geht das? Dauerhaft?“
„Ich weiß nicht. Aber was ist die Alternative?“
„Sich wieder umdrehen.“
„Und wenn das nicht mehr geht?“
Ich nickte.
„Genau“, sagte sie. „Dann bleibt nur das hier.“
Später, im Café gegenüber, beim vierten Glas: „Ich mag es, wenn du so hinsiehst. Als würdest du wirklich erkennen wollen, was sich dahinter verbirgt.“ Dann küssten wir uns. Im Halbdunkel des Cafés.
– –
Vorher. April. Ein Samstag. Galerie. Belgisches Viertel, Ecke Sonstwo. Heller Boden. Sie arbeitete von 13 bis 19 Uhr. Ich kam gegen 15 Uhr.
„Was machst du denn hier?“
„Dachte, ich schau mal vorbei. Stör ich?“
„Natürlich störst du. Aber bleib trotzdem.“ Kurzes Grinsen. „Setz dich da hinten hin. Spiel den verlorenen Intellektuellen.“
„Ist das meine Rolle? Den Intellektuellen zu spielen?“
„Verloren tun.“
„Und deine?“
„Die Kunstgeschichtlerin, die sich für die Kunst verkauft.“
„Passt.“
„Leider.“
Ich setzte mich auf die unbequeme Designerbank. Griff einen Katalog. Künstlername, Titel, Jahr, Technik. Kurze Texte, die so taten, als wäre alles erklärbar. Ich las zwei Absätze, vergaß den Anfang beim dritten Satz. Preise, Formate.
Ich beobachtete sie stattdessen. Wie sie einem Besucher das Bild erklärte – eine Geste hin zur Wand, dann zurück. Fertig. Kein Wort zu viel. Ihr Parfum zog mit, wenn sie sich bewegte. Vanille.
Später nur noch Sätze wie „Spannende Arbeit“ und „Tolle Textur“. Die Stunden dehnten sich. Ich versuchte, interessant auszusehen.
Zu gehen wäre falsch gewesen. Zu bleiben auch. Ich blieb.
–
Mit ihr ist selbst nichts machen ein guter Plan.
– –
Zwischendurch schaute ich mir ein Bild an – kaltes, durchsichtiges Blau, durchzogen von weißen Linien, die sich überkreuzten, nirgendwo hinführten.
„Die Linien wollen sich ordnen, schaffen es aber nicht. Das ist wie als du …“
Sie drehte sich zu mir um.
„Nicht analysieren. Nicht hier.“
Sie tippte mit dem Finger auf das Klemmbrett.
„Hier sind die Zeilen, die zählen. Abstände. Beschriftung. Sag mir, wo ich hängen soll, nicht wer ich bin.“
–
Denn ich kenne deine Stimme, deine Worte, Blicke, dieses Glucksen, diese kleinen Bewegungen, die du machst, wenn du glaubst, keiner sieht’s. (Spoiler: doch.)
– –
Um 19 Uhr schloss sie ab. Wir gingen ins Shepheard.
„Gin Tonic. Doppelt. Und nicht so viel Tonic.“
„Kölsch.“
„Kölsch ist kein richtiges Bier.“
„Doch. Aber du verstehst das sowieso nicht.“
„Du trinkst das aus Gewohnheit.“
„Ja. Und?“
Ich sah sie an. „Gewohnheit ist gefährlicher als Trotz.“
Sie zog eine Augenbraue hoch. Die Art, wie sie das machte, wenn ich zu weit ausholen wollte.
„Warum?“
„Weil man bei Trotz noch weiß, dass man etwas falsch macht. Bei Gewohnheit merkt man es nicht mehr.“
Sie lächelte. „Schön. Wir trinken uns also gerade in die Gewohnheit.“
„Exakt.“
„Sehr romantisch.“
„Wir sind beide sehr romantisch.“
„Stimmt. Zwei kaputte Menschen in einer Bar. Das Klischee schreibt sich von selbst.“
„Besser als zwei Heile in einer Selbsthilfegruppe.“
Sie lachte auf. „Touché.“
Dann schwieg sie. Sah mich an. Nicht als würde sie etwas suchen – als hätte sie es schon. Wir tranken. Erst einen, dann zwei, dann acht. Und der Barkeeper stellte einfach nach. Kannte uns wohl, oder hatte aufgehört zu zählen, wie wir selbst auch, während die Stunden sich sammelten und niemand mehr an morgen dachte.
–
Später gingen wir zu ihr. Dritter Stock, Altbau. Bücherregale, Muschelbilder mit Ölstift, Kerzen auf dem Boden. Der Geruch davon – Wachs, Bücher, sie. Mein Shirt über dem Stuhl. Wir schliefen miteinander. Langsamer diesmal.
Nachher lagen wir nebeneinander. Sie rauchte.
„Danke. Dass du geblieben bist. Vier Stunden lang.“
„Schon okay.“
„Nein. Nicht okay.“ Sie drehte sich leicht zu mir. Ihre Hand lag auf meiner Brust. „Niemand bleibt so lange. Niemand wartet einfach. Das war – schön.“
„War nichts Besonderes.“
„Doch. War es.“
Ich schwieg. Strich mit dem Finger über ihren Arm. Kleine Linien.
„Warum bist du gekommen?“, fragte sie leiser.
„Hatte Zeit.“
„Das ist keine Antwort.“ Sie sah mich an. Wartete.
„Ich wollte sehen, was du machst. Mit den Bildern. Wie du darüber redest. Das ist interessanter als die meisten Dinge.“
Sie wartete. Ihre Finger spielten mit meiner Hand.
„Du meinst die Kunst.“
„Ja. Deine Leidenschaft dafür.“
Sie atmete aus.
„Du lebst dafür.“
„Ja.“ Leiser. „Dachte keiner merkt’s.“
Ich hörte ihren Atem. Gleichmäßig. Warm.
„Du bist – hmm.“
„Ist hmm gut?“
„Weiß noch nicht. Gerade ja.“
„Und später?“
„Mal sehen.“
„Passt.“
Sie drückte ihre Zigarette aus. Legte ihren Kopf auf meine Brust. Einen Arm über mich.
– –
Wochen später. Juni. Supermarkt. Sie stand vor dem Kühlregal, starrte die Joghurts an. Fünf Minuten. Zehn. Ich kam nach einer Runde durch die Regale zurück. Sie rührte sich nicht.
„Alles okay?“, fragte ich.
„Nichts. Ich – kann mich nicht entscheiden.“
Aber es ging nicht um Joghurt – ich sah es an ihren Händen, wie sie die Finger verschränkte, löste, wieder verschränkte, in dieser endlosen Schleife, die ich kannte, weil ich selbst manchmal darin gefangen war.
„Wir gehen“, sagte ich leise.
„Aber –“
„Jetzt.“
Draußen atmete sie durch. Lehnte sich an die Wand.
„Danke.“
„Schon okay.“
„Nein. Ist es nicht. Aber danke trotzdem.“
Wir gingen. Kauften nichts. Tranken Kaffee. Sprachen über andere Dinge.
–
Sie ist nah, wieder weg, scheu wie ein Streuner. Ich flüstere von Straßen, Nebel, Flucht. Sie hört hin, und etwas bewegt sich.
– – – –
In meiner Wohnung hing eine Kopie. Dürers Diptychon „Die vier Apostel“. Öl auf Leinwand, etwa 140 cm hoch. Ich hatte sie vor Jahren erhalten. Jedes Mal, wenn sie kam, blieb sie davor stehen. Einmal begann sie zu sprechen. Langsam, fast wie ein Ritual.
„Sieh dir Johannes an. Das rote Gewand. Wie es schreit, während er schweigt. Ganz nach innen gekehrt. Als würde er etwas sehen, das die anderen nicht sehen können.“ Sie trat näher. Ihre Finger spielten am Rahmen. „Der Lieblingsjünger. Der, der am nächsten war. Und der am meisten verloren hat.“
Ich sah das Bild an. Dann sie.
„Und Paulus?“
„Der mit dem Schwert.“ Ihre Stimme härter jetzt. „Isoliert. Weiß gekleidet, als wäre das eine Lüge. Der kämpft immer. Gegen alles. Auch gegen sich.“
„Warum stehst du immer vor diesem Bild?“, fragte ich.
Sie antwortete nicht sofort. Ihre Hand lag auf dem Rahmen.
„Weil es zwei Teile sind. Getrennt, aber zusammen. Keiner funktioniert allein.“ Sie drehte sich zu mir. „Und weil einer immer versinkt und der andere immer sticht.“
„Und wir?“
„Gefährlich“, sagte ich.
„Ja.“ Leiser. „Aber ohne den Rahmen fallen wir auseinander.“
Wir tranken. Das Gespräch wurde persönlicher. Das war selten. Aber am Ende, wie immer: Körper statt Worte.
–
Meine Hand ad collum – nicht von mir allein
sed ex voto eius: unser Begehren.
Illa – oculis ardentibus –
manum meam duxit ad collum suum,
drückte sie dort, hielt sie, ließ nicht los.
In meinen Fingern: ihre Lust, klar –
puls sub cute – ich las: volles Ja. Befehl.
Postea – sero – scivi:
Was sie wollte war echt, sed non libera.
Umbra vetusta – alte Wunde kehrt.
Ich sah die Flamme, nicht den Grund des Feuers.
Illa deutet mein Schweigen:
Erlaubnis ohne Maß.
Puls sine fine.
– –
Früher. Viele Jahre Beziehung, zwei davon Ehe. Das war lange her. Sie wollte Stabilität, ich wollte Whiskey. Nach der Scheidung wurde es schlimmer. Jeden Tag ein bisschen mehr, bis täglich reichte. Abends gegen die Leere und nachts gegen die Gedanken, und irgendwann war es kein Kampf mehr, sondern nur noch Routine.
Die Jahre verwischten. Früher, damals, jetzt. Mal eine Frau für drei Monate, mal eine für drei Wochen, eine Nacht. Immer die gleiche Dynamik: anfangs die Faszination für meine Intensität, dann die Irritation über meine Abwesenheit, schließlich die Einsicht, dass ich nicht zu halten war. Nicht auszuhalten.
–
Zu vage um zu gehen, zu real um zu bleiben.
– –
Blitz war die erste danach, die nah kam. Die erste, der ich wieder mehr zeigte als Intensität und Abwesenheit.
–
Ich ertappe mich, schon wieder dabei, wie ich daran denke, an ihren Haaren zu ziehen. Nicht wild, nicht roh, einfach so: bleib mal kurz hier. Nicht reißen, nur Kontrolle. Ich spür dich, das hier ist echt. Und sie? Lässt es zu. Vielleicht für mich, vielleicht für sich (vielleicht beides).
– – – –
Locked Groove
Dienstag. August. Fahre hin. Die Straße, das Haus. Jeder Schritt bekannt. Jeder Schritt zu schnell. Wie ich vor ihrer Tür stehe. Ja bestimmt. Dritter Stock, Altbau. Die Treppe. Knarrt bei der vierten Stufe. Immer. Treppenhaus. Weiße Wände. Schmutzig weiß. Glas. Draußen hell. Nachmittagslicht. August. Warm. Ihre Tür. Helles Holz. Daneben. Namensschild. Ihr Name. Ich kann ihn lesen. Ich klingele. Summen. Drinnen. Jetzt laufen die Buchstaben vom Schild. Fußmatte. Nüchtern nervös. Ich klingele. Sie ist da. Niemand. Das Handy. Ihre Nachricht. Meine. Darunter. Kein Anruf. Hände leer. Herzschlag zu laut. Morrissey steht hinter der Tür. There Is a Light That Never Goes Out. Die Melodie kommt aus dem Boden. Aus meinen Schuhen. Die Tür ist feucht. Warm. Meine Handfläche drauf. Vibration. Musik. Ich lehne die Stirn dagegen. Holz. Ich klopfe. Einmal. Zweimal. Musik läuft weiter. Ich klopfe. Lauter. Mit der Faust. Niemand. Fünf Minuten. Zehn. 15:53. Dann 15:47. Die Wand.
Blitz sage ich durch die Tür.
Lauter –
Niemand antwortet.
Ich klopfe. Die Tür ist zu.
Wird größer. K l e i n e r.
Vierte Stufe. Knarrt nicht. Ohne Treppe an der Wand. Hinter mir. Ich klopfe. Vorne. Knacken. Luft. Unter mir. Überall die Tür. Dann. Parkett. Stille. Die Musik läuft. Ich trage Ballerinas. Ihre Bettdecke – Ein Glas auf dem Nachttisch. Niemand hält mich. Ihre Haut. Salz. Feucht. Warm. Die Wände fallen. Jemand spricht – Die Muschel in meiner Hand. Gelb. Salz.
– – – –
Deleted
Kürzlich. Ende Januar. Halle. Nicht dramatisch, einfach da. Ein Freitag, glaube ich.
Bei ihr. Westlich der Giebichensteinbrücke. Drei Monate jetzt. Beim Abschied hält sie mich fest. Drei Monate sind lang genug, um zu wissen, dass etwas funktioniert, und kurz genug, um noch nicht zu wissen, ob man es will – dieser Zwischenraum, in dem alles möglich ist und deshalb nichts entschieden werden muss, und ich kenne ihn gut, lebe dort seit Jahren, länger als mir gut tut.
„Ich will das hier. Mit dir. Richtig.“
Ich nicke. Sage irgendetwas, das nach Zustimmung klingt und sich wie Ausweichen anfühlt. Ich küsse sie, als könnte man dadurch die Zeit beeinflussen. Erst später verstehe ich den Satz. Erst später verstehe ich, dass „richtig“ ein Anspruch ist.
– –
In der Januarkälte kurz nach Sonnenuntergang erscheinen in der Bar Exil zwei Bürger. Mit Johannes sind Gespräche möglich, die sonst selten stattfinden – er sieht die Welt lesend, nicht verklärt, sondern genau, mit einer Loyalität gegenüber dem Wesentlichen, das die meisten Leute für unwichtig halten.
Wir diskutieren über die Bedeutung eines einzelnen Wortes im Kontext einer ganzen Sprache, und dann kommt seine Beschreibung der Welt mit wenigen Worten, und der Abend dehnt sich, und die Gläser werden mehr, und wir reden über das Leben, diese Stadt, die Frauen. Ich bestelle nach. Die Hand hebt sich schon, bevor ich es entschieden habe. Das Glas ist kalt. Ich halte es trotzdem.
Der Gedanke war jahrelang da. Jetzt. Sie will mich richtig. Ich spüre das Gewicht. Die Flasche. Die Muschel. Alles danach. Verlust. Zerstörung. Zu kaputt um zu bleiben. Zu müde um zu fallen. Sie will einen ganzen Menschen. Bin keiner. Nicht mehr. Müde. Hier. Alles. Jahre. Nichts. Der Gedanke wächst. Zwei Stunden. Druck. Drei. Lauter. Enger. Kein Ausgang. Es explodiert.
Um·sturz·se·kun·de
[essayistisch, lakonisch]
Der Moment, in dem ein Gedanke kippt. Eben noch Verbündeter, plötzlich Staatsanwalt. Man merkt: Verhandlungen zwecklos.
Übertragen: Hoffnung wird Klarheit.
–
Das Ende ist konkret. Nah. Logisch. Die Logistik ist simpel.
–
Phrase zu Stein. Schatten falsch geworfen. Man hat sowieso nichts. Hatte nie.
– – – –
Zwölf Jahre lang war es eine Möglichkeit. Abstrakt. Jetzt ist es ein Plan. Kein Kalkül. Keine Verzweiflung. Nur der letzte logische Schritt.
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Test Press
Station. Kein Drama, nur Notwendigkeit. Ein Zimmer mit einem Bett. Es gibt eine besondere Stille in diesen Räumen. Weil der Körper aufgehört hat, Gründe zu produzieren. Man liegt da und hört dem eigenen Atem zu wie einem Fremden. Was fehlt, ist der Lärm – kein Plan mehr, kein Zählen. Nur der Raum, der Atem, die Decke. Das Fremdeste daran: es reicht.
Fenster, die sich nicht öffnen lassen – dafür ein Bulgakow. Fairer Tausch. Was in all den Jahren nicht gelang, begann jetzt in Halle. Nach drei Monaten.
Die Schwestern, die Pfleger, die Ärztinnen – professionell, freundlich. Sie kannten die Geschichte.
–
Aufgewühlt im Rauschen, losgelöst, keine Strömung. Zeit sickert durch, niemand da. Momente entstehen, dann vorbei, treiben weg. Still gestellt. Vibriert trotzdem. Ein Aussetzer, Buffering, eine Verzerrung.
– –
Zel·lo·phan·gier
[essayistisch, selbstreflexiv]
Das Abziehen der Zellophanfolie von einer Marlboro-Schachtel – eine Handlung, die man vor Nichtrauchern verbirgt, weil sie zeigt, dass man nicht will, sondern muss.
Übertragen: Sucht zeigt Scham.
–
Das Rascheln der Folie, leise, aber eindeutig. Man dreht sich weg, als würde das etwas ändern.
Die Mitpatientinnen. Wir rauchten zusammen in der Raucherecke – ein vergilbter Raum, mit Wänden voller Texte und Symbole, und redeten über alles außer dem Offensichtlichen.
–
Trinken plötzlich unmöglich. Nicht verboten – unmöglich. Es gab auch gar keinen. Der Körper lehnte ab – der Kopf auch. Nach drei Tagen ein Gespräch, dann die Entlassung. Die Ärztin: „Sie brauchen eine qualifizierte Entzugsbehandlung. Drei Wochen.“ Qualifizierter Entzug. Als hätte die Maßnahme einen Beruf. Ich nickte, ging ein Stockwerk höher und legte mich wieder schlafen.
– –
Limited
Die Klinik am Stadtrand. Neubau. Einzelzimmer mit Blick auf einen Parkplatz. Ich lernte die Autos auswendig – welche morgens zuerst kamen, welche um welche Uhrzeit. Ein neues war eine Überraschung. Ich wartete auf Überraschungen.
Am ersten Morgen packte ich fast nichts aus. Zahnbürste. Zwei Bücher. Ein schwarzes T-Shirt. Die Geste war klar: nicht ankommen. Als ließe sich durch Unordnung verhindern, dass etwas gilt.
Um sieben klopfte jemand. Immer gleich. Nicht hart, nicht sanft. Professionell. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu wissen, wo ich war. Der Schlaf war keiner, eher ein kurzes Wegtreten, aus dem mich der eigene Puls wieder hochzog. Schweiß am Nacken. Trockener Mund. Das Bett zu warm, das Zimmer zu hell. Draußen stand der silberne Opel wieder auf demselben Platz. Das beruhigte mich mehr, als es sollte.
–
Auf·zugs·stil·le
[feuilletonistisch, lakonisch]
Das Schweigen zwischen Fremden im Aufzug – keine Feindseligkeit, nur Einverständnis darüber, dass man einander nichts bedeutet.
Übertragen: Gleichgültigkeit wird Einverständnis.
–
Beim Frühstück saßen wir zu viert an kleinen Tischen. Namen fielen, blieben aber nicht alle. Man erkannte sich schneller an den Bewegungen: wer den Kaffee mit beiden Händen hielt, wer zu schnell aß, wer beim Sitzen schon aussah, als wollte er direkt wieder weg.
Jeden Morgen um acht Uhr Visite, dann Gruppentherapie. Die Stühle standen im Kreis. Ich hasste Kreise – keine Ecken, nur Blicke. Wenn ich sprach, klang es zuerst so, als ginge es um jemand anderen. Gedanken ohne Alternativen sind Symptome – das habe ich gelernt. Ich hatte viele Symptome.
„Alkoholproblem“, sagte ich. Als wäre das eine technische Störung.
Nachmittags lag ich auf dem Bett und hörte den Flur. Schritte, Türen, Husten – irgendwo ein kurzes Lachen. Schlaf weg, Schweiß da, Hände unruhig, Gedanken stumpf und zu schnell zugleich.
Der Körper verlangte nicht mehr laut.
–
Lösch·klar·heit
[essayistisch, selbstreflexiv]
Dieser sehr klare Moment nach dem Löschen von Mails, Chats, Kontakten – in dem Verlust sich wie Effizienz anfühlt. Für etwa zwanzig Minuten.
Übertragen: Ordnung wird Illusion.
–
Nummern gelöscht, Kontakte bereinigt. Ich löschte gründlich. Barkeeper mit Vornamen. Frauen, bei denen ich erst am Verlauf wieder wusste, wer sie waren. Musikmenschen. Zufallsbekanntschaften. Leute, die zweimal „Na, wie geht’s?“ geschrieben hatten und dann nie wieder. Die selbst ausgestellte Ordnung nach dem Chaos. Für etwa zwanzig Minuten fühlt es sich richtig an, dann bleibt nur das leere Adressbuch und die Frage, was man eigentlich gewonnen hat – außer Platz.
Ihre Nummer ließ ich stehen. Sie schrieb.
Wie ist es dort?
Passt.
Das klingt nicht nach passt.
Mehr nicht. Genau richtig.
Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, Unruhe, Träume – aber auch Klarheit. Die Klarheit kam nicht als Erkenntnis, sondern als Abwesenheit – das Rauschen weg, die Scham leiser, und plötzlich sitzt man in sich selbst wie in einem Zimmer, das man jahrelang gemieden hat, und stellt nun fest, dass es nicht so schlimm ist wie befürchtet, nur leer, und dass Leere aushaltbar ist, wenn man nicht mehr dagegen antrinkt.
Am sechsten oder siebten Tag stand ich am Fenster und sah den Regen über die Windschutzscheibe des roten Kleinwagens laufen. Das ist es also. Kein Pathos. Kein Zusammenbruch. Nur das hier. Ein nasser Parkplatz, ein zu heller Raum, ein Körper, der endlich nicht mehr verhandelt. Ich hatte immer gedacht, Nüchternheit müsse sich groß anfühlen. Wie eine Tür, die aufgeht. Aber dort war nur der Flur.
– –
In der zweiten Woche kam sie mich besuchen.
Schon morgens war der Tag dadurch verrutscht. Beim Mittagessen schmeckte alles nach Warten. In der Gruppe hörte ich nichts. Immer wieder sah ich auf die Uhr und hasste mich dafür.
Sie stand unten im Foyer mit einem Beutel in der Hand. Heller Mantel, Haare offen – ihr wacher, vorsichtiger Blick. Kein dramatisches Wiedersehen. Erst ein kurzes Lächeln, mit Grübchen. Dann nahm sie mich in den Arm, als wäre nichts zerbrochen und genau deshalb eben alles.
„Ich hab Tee mitgebracht.“
„Hier gibt es genug Tee.“
„Ja. Aber nicht diesen.“
Fenchel-Anis-Kümmel. Ich musste lachen.
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A-Side
März bis Juli. Zurück in die Stadt. Die Bäume sprießen, in meinem Stadtteil, in meiner Wohnung. Dieselben Straßen, jetzt aber andere Augen.
Hem·den·leid
[feuilletonistisch, lakonisch]
Das diskrete Entsorgen von Hemden bei der Reinigung – nicht die billigen, die teuren. Die von früher, als man noch dicker war oder pessimistischer.
Übertragen: Biografie wird Kragenweite.
–
Ich gebe sie ab und sage: „Die brauche ich nicht mehr zurück.“ Die Frau an der Reinigung nickt, fragt nicht nach. Höfliche Umschreibung für: Ich bin nicht mehr die Person, die das trug.
Die Wohnung ist so, wie ich sie verlassen habe – nur staubiger, kälter. Ich räume auf, werfe weg, behalte zu viel – entsorge dann auch das.
Nun also trocken. Ich zähle nicht. Ich bin klar, erlebe neu: Pegel null.
–
Zigarettenschachteln. Früher klein, Feuerzeug daneben. Jetzt riesige Pappziegel. Heute wirkt die kleine Schachtel wie Luxus. Aristokratie aus Karton.
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Tag 22. Tag 24. Tag 27. Ich zähle doch.
Fla·schen·ab·schied
[elegisch, lakonisch]
Das Wegwerfen leerer Flaschen. Eben noch Petit Verdot und Gesprächsöffner, jetzt Altglas.
Übertragen: Erinnerung wird Müll.
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Ich trage die Flaschen raus, diskret. Die grünen ins Grüne, die braunen ins Grüne, die weißen auch. Jede Flasche ein kleiner Abschied von einem Abend, der nicht mehr rekonstruierbar ist. Der Container klingt, als würde er zustimmen.
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Das Leben ’ne Spelunke in miesem Licht. Die Liebe ein Halbstück wie ’ne leere Flasche. Ein Schluck, doch nie der ganze Traum.
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Alte Freunde, neue Vorsicht auf beiden Seiten – niemand weiß, was man sagen soll. Wir treffen uns, reden über Arbeit, Politik, Partys – nicht über das Offensichtliche. Nach drei Stunden gehen wir wieder. Eine lädt mich ein. Film, reden. Sie schenkt Wein ein, rückt näher.
Trocken sein macht etwas mit mir – klarer, präsenter, als wäre eine Schicht weggefallen. Das Nicht-Trinken steht über allem. Auch über dem, was sie gerade versucht. Ich verstehe ihre Intention – stehe auf und gehe.
Die alten Freunde teilen sich auf. Focus Groups. Die einen kennen das Leise. Die anderen das Laute. Jetzt wissen sie nicht, was zurückgekommen ist.
Aber andere bleiben. Neue Freunde, neue Freundinnen, echte. Die verstehen, weil sie fragen. Die warten, ohne zu drängen. Die zuhören.
Wir sitzen bis drei Uhr nachts in meiner Küche und reden über alles – Bücher, Kindheiten, Filme, Nudeln mit Butter, ob Katzen oder Hunde. Banales Zeug neben tiefgehenden Ansichten mit The Herbaliser als Soundtrack.
Im Café bestelle ich plötzlich Sachen, die früher nur Beiwerk waren. Espresso, Wasser, Kuchen. Ich sitze länger, ohne dass daraus ein Vorabend wird. Das ist irritierender als der Verzicht selbst: dass ein Nachmittag einfach ein Nachmittag sein darf. Nicht Auftakt. Kein Anlauf in die Nacht. Nur Licht auf einem Tisch, ein Gespräch, eine Zeitung, dann ein zweiter Kaffee. Früher hätte ich das für zu wenig gehalten. Jetzt merke ich, wie viel darin Platz hat.
Galerien nachmittags, nüchtern, mit Zeit. Lesungen, bei denen ich bis zum Ende bleibe. Die Oper – zum ersten Mal ohne Wein vorher. Alles schärfer, auch die langen Stellen. Die Musik trifft anders, wenn nichts dazwischen steht.
Es ist nicht Askese, nicht Selbstbestrafung, es ist eher wie das langsame Wiederentdecken eines Instruments, das man jahrelang verstimmt gespielt hat, ohne es zu merken, und jetzt klingt alles ein halbes Stück zu hoch oder zu tief.
Der Sex. Nüchtern. Ohne Whiskey vorher, ohne Rausch gegen die Nähe. Alles da. Jede Berührung, jedes Geräusch. Kein Pegel, beinahe zu viel. Passt. Ich brauche eine Weile, bis ich aufhöre, es zu kommentieren.
Ich trainiere – morgens laufen, abends Studio. Die Blutwerte kommen zurück, der Arzt sagt „Top.“, ich nicke und will es selbst glauben.
Ich richte die Wohnung ein, richtig diesmal – nicht provisorisch, nicht als Zwischenstation. Regale an die Wand, Bilder aufgehängt. Ausreichend Besteck. Ein paar Teller in den Kühlschrank und Spaghetti, ganz viel davon und Pesto. Club Mate in Kisten. Der Einzug, den ich Monate lang aufgeschoben habe.
Was ich weggeworfen habe: Hemden, Flaschen, Nummern, Ausreden. Fotos nicht. Noch nicht. Die Reihenfolge sagt alles.
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Reissue
Juli bis Oktober. Ostsee. Dreizehn Wochen. Immerhin. „Suchtentwöhnung“.
Als hätte ich es mir nur angewöhnt. Wie Klavierspielen oder Französisch. Aber das Angewöhnen war die eigentliche Arbeit. Hartes Lernen, jeden Abend. Alkohol war eine ernste Beziehung: lang, toxisch, innig. Kein One-Night-Stand, sondern eine repetitive Liaison – mit der Leere selbst.
Die Klinik liegt an der Ostsee. Neubau. Weiße Fassade, helle Räume. Sieht eher aus wie ein Hotel als wie eine Klinik. Mein Zimmer im zweiten Stock: Einzelzimmer, eigenes Bad, Schreibtisch am Fenster.
Am Anfang misstraue ich dem Komfort – dieses kontrollierte Weiß, das beruhigen soll, gerade deshalb verdächtig. Ich erwarte Härte – stattdessen bekomme ich Routinen. Frühstück, Gruppe, Einzelgespräch, Spaziergang, Sport, Tee – immer wieder Tee. Eine Architektur aus Wiederholung. Erst halte ich das für Beschäftigungstherapie. Die Tage wollen nicht beeindrucken – sie wollen nur getragen werden.
In der Klinik-Bibliothek: Beigbeder, Süskind, Joyce – die Bücher stehen jetzt bei mir.
Buch·raub·recht
[essayistisch, feuilletonistisch]
Die feste Überzeugung, dass Bücher nicht Eigentum sind, sondern Zuständigkeiten. Und dass man für diesen Kracht zuständiger ist als der Gastgeber.
Übertragen: Aneignung wird Moral.
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Diesmal nicht ungelesen, diesmal notwendig. Ich lese nachts, draußen im Raucherbereich, wenn die anderen schlafen, und verstehe Sätze, die ich vor Jahren übersprungen habe.
Blitz erzählte immer wieder von Joyce. Von seiner Detailversessenheit. Wie er Dublin kartografierte, Straße für Straße, Haus für Haus. „Man muss die Straßen kennen“, sagte sie jedes Mal. „Was hinter den Fassaden ist. Wo die Öffnungen sind – die sichtbaren und die verborgenen. Joyce zeigt beides. Die Hauptstraßen, ja, aber auch die Hinterhöfe, die Durchgänge zwischen den Häusern, die Fluchtwege. Man braucht die. Man muss wissen, wo man rauskommt, wenn die Vordertür verschlossen ist. Oder wenn man nicht gesehen werden will. Das gibt Orientierung. Das gibt Kontrolle, wenn alles andere außer Kontrolle gerät.“
Ich lese die Stelle ein zweites Mal. Ihre Stimme ist deutlicher als der Text.
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Tee. Gruppe. Meer. Wieder Tee.
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Bü·cher·reu·e
[essayistisch, elegisch]
Das Wissen, dass man diesen Knausgård nie lesen wird – und ihn trotzdem nicht hergibt, weil er für eine Version von einem selbst steht, die man respektiert, ohne sie zu sein.
Übertragen: Möglichkeit wird Möbelstück.
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Das Meer macht dieses Geräusch, das nie aufhört. Wie laute Gedanken, aber beruhigend. Ich sitze auf kaltem Sand und denke an nichts. Ich sitze dort jeden Morgen und warte darauf, dass mir etwas einfällt, das ich denken will, aber der Sand ist kalt und das Meer ist laut und irgendwann höre ich auf zu warten und fange an, einfach da zu sein, was ich lange für dasselbe gehalten habe wie nichts tun, aber nicht dasselbe ist.
Das ist neu.
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Der Körper holt auf – zehn Kilo weniger, Muskeln statt Erschöpfung. Und die Tasse auf dem Nachttisch gefüllt mit Tee statt Whiskey, und für einen Moment denke ich: So einfach ist das also. (Ist es nicht.)
Am Strand gibt es keine Aufgabe außer Anwesenheit. Ich halte das zuerst für Zeitverschwendung, dann für Erholung – dann merke ich, dass es weder noch ist. Es ist Übung. Nichts zu optimieren, nichts zu inszenieren, nichts zu betäuben. Nur Wind, Sand, Wasser, Wärme. Die meisten meiner früheren Tage haben einen Gegner gebraucht – Leere, Scham, Langeweile, Nähe, Nacht. Das Meer stellt sich nicht zur Verfügung – es ist da, gleichgültig und rhythmisch, und genau deshalb beruhigend.
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Klinik-Alltag: 7 Uhr Tee. 8 Uhr Gruppe. 17 Uhr Meer. Wiederholung als neue Struktur. Man hält sich daran fest, ohne zu glauben, dass es hilft – aber es hilft. Wiederholungstherapie.
Die anderen Menschen helfen. In der Gruppe sitzen Menschen, die alle dasselbe nicht sagen wollen, und die deshalb alles andere sagen, das Unwesentliche, das Randsächliche, die kleinen Geschichten aus der Zeit davor, bis das Wesentliche sich von selbst in die Lücken schiebt, weil es nirgendwo sonst mehr einen Platz findet.
Ein Mann, Mitte fünfzig, Buchhalter: „Ich habe nie gesoffen, um glücklich zu sein. Ich habe gesoffen, um aufzuhören, unglücklich zu sein.“ Die anderen nicken, ich auch – wir nicken sehr viel in diesen Wochen.
Es gibt eine junge Frau in der Gruppe, die jeden Satz mit „eigentlich“ beginnt und damit genauer ist als die meisten. Ein Typ, vielleicht Mitte zwanzig, der schon so erschöpft spricht, als hätte er mehrere Leben hinter sich. Ein ehemaliger Vertriebsleiter, der in einer Lautstärke von sich als „funktionierend“ spricht, die das Gegenteil beweist. Ich mag nicht alle von ihnen – das hilft. Es ist keine Erlösungsgemeinschaft, keine sentimentale Gleichheit. Nur eine Ansammlung von Menschen, denen die Selbsttäuschung auf unterschiedliche Weise entglitten ist – in so einer Konstellation werden Wahrheiten nicht schön, aber benutzbar.
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Warum ich nie schlafe?
Der Schub. Gespräche mit einer Psychologin, dann dem Chefarzt – der Druck und der Schub, nun benannt.
Er, Psychiater, Ende vierzig, kurze Haare: „Das erklärt einiges.“ Ich erwidere im gleichen Wortlaut.
Papiere – Das Treppenhaus. Jemand kommt die Treppe hoch; ich warte, bis die Schritte vorbei sind. Dann lese ich weiter.
Die Beschreibung der Phasen: präzise. Zu präzise. Die Nächte mit fünfzehn Seiten – auch die. Der Hunger, der nichts sättigt. Die Energie, die kein Bett hält. Ich habe das immer für Arbeit gehalten. Ist es auch. Nur der Preis steht nie dabei.
Ich falte die Papiere. Stecke sie ein. Gehe ein Stockwerk höher.
In meiner Stadt nehme ich die Behandlung in Angriff.
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Kein Gedicht. Nur ein abgerissener Typ am Tresen. Redet.
Und er grinst nicht. Nein. Ich grinse nicht.
Musik scheppert von der Bühne, aus den Boxen. Vielleicht die Stooges; vielleicht nur irgendeine Coverband. Dröhnende Marshall-Türme.
Ihr schaut zu, wie ich mich zerlege, und denkt, da steckt Haltung drin. Aber nein. Es ist nichts weiter als Schwerkraft. Restschatten. Der Körper zieht nach unten. Und wenn’s nur noch klebt, dann ziehst du die Füße hoch. Als wär das irgendeine Lösung.
Der Druck flüstert dir ins Ohr, dass morgen leichter wird. Er gibt mir Worte und zieht sie gleich zurück, als wären sie Pfand. Kellerbars sind ehrlicher. Niedrig. Feucht. Dreckiger Putz. Lichter flackern und blenden. Kein Ausblick. Es folgt ein Drama im Verlieren. Nur Schatten. Fallend in die eigene Katastrophe.
Noch immer kein Gedicht. Nur ein brennender Typ vor den Boxen. Schreit.
„Alles ist jetzt. Alles!“
Und er meint es. Ja. Ich meine es.
Musik prügelt. Hämmert von allen Seiten. Vielleicht PAWSA live; vielleicht nur eine Playlist. Die Rillen qualmen, die Höhen schrill, der Bass zu tief. Alles brummt. Alles übersteuert.
Ihr schaut zu, wie ich mich zerreiße, und denkt, das ist Ekstase. Aber nein. Es ist Starkstrom. Flutlicht. Ein Schlag auf die Augen. Und wenn’s dir auf die Nerven geht, drehst du den Pegel hoch. Noch höher. Bis alles platzt.
Der Schub tut, als wär er Rettung. Worte wie Brand. Alles brennt. Sofort verbrannt. Nächte stoßen aus dem Rücken. Pfeifen durch die Zähne. Machen den Kopf scharf. Und irgendwo knackt es, als würde etwas reißen. Tempo. Kein Schlaf. Die Hände spucken Seiten aus. Songs. Bilder. Chaos. Zu viel. Getrieben in die eigene Explosion.
Gewicht und Feuer. Kontrolle? Scheiß drauf. Beide tanzen trotzdem. Ein Walzer im leeren Saal. Fallen. Stehen sofort wieder auf. Ich stehe dazwischen. Still in der Mitte. Oder rennend im Kreis.
Nichts tut so, als wäre es alles. Schnaps, der nichts hält. Zeilen, die durchdrehen. Schatten stolpern zwischen Schweigen und Aufbruch. Fragen falsch, Antworten schon müde. Zerfall als Drehzahl.
Ich feiere den Abriss und zähle Verluste wie Deckelstriche. Ich tanze die Idee, während der Pegel steigt. Wenn einer nach Wahrheit fragt, zeige ich das Glas, in das ich eben gespuckt habe. Sage: Das hier, heute. Nicht schön. Nicht klug. Aber tragfähig für den nächsten Satz.
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Später werde ich hier sitzen und denken: Damals, an der Ostsee, da war der Moment. Jetzt sitze ich hier und denke: Jetzt ist der Moment. Beides stimmt nicht – die Richtung stimmt.
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Direct Cut
Oktober. Herbst. Die Blätter fallen – in meinem Stadtteil, in meiner Wohnung. Mein Arbeitszimmer: der Schreibtisch von Schweizer Klarheit, weiß, auf schmalen Stelzen. Die Regalwand mit Glastüren – der einzige Panzer im Raum. Auf dem Tisch nur das Nötige: Lampe, Füller, Kladde, Notebook. An der Wand hängt eine Zeichnung von Sulamith Wülfing – Portrait von einem Mann, Aquarell und Indian Ink, 1964.
Ich bin immer getrieben gewesen, immer auf der Jagd nach dem letzten Satz. Ein Satz wie ein Nagel, der die Wand zusammenhält. Die Angst, dass er nie kommen würde, hat mich ebenso wachgehalten wie der Rausch. Aber hier, am Schreibtisch, ist der Hunger anders – hier wird materialisiert.
Schluss·satz·wucht
[essayistisch, elegisch]
Der letzte Satz, der plötzlich alles ordnet. Auch das, was man nicht verstanden hat.
Übertragen: Bedeutung wird Nachzügler.
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Der Geruch der Herdplatte mit Wasser im kleinen Topf. Metallisch. Aber nicht unangenehm. Kein Blut im Mund, eher wie ein Parfüm, das man nie gekauft hat, das aber trotzdem da ist. French Press gleich. Dieses Versprechen: gleich Kaffee, gleich etwas, das Ordnung macht. Nicht die große Ordnung, die kleine. Reicht ja.
Ich trinke ihn schwarz – ohne Whiskey. Die Wärme kommt von innen. Ich bin nie Beobachter gewesen. Nie der Mann, der sich Notizen macht – immer schon Teil des Stoffs, den ich beschreibe. Alles, was mich getragen hat, hat auch seine Schattenseite. Jede Liebe kommt mit Dunkel.
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Seit ich im Herbst zurück bin, nähern wir uns wieder an – nach den Monaten in der Klinik, langsam, vorsichtig. Ein zweiter Versuch, diesmal mit anderen Möglichkeiten.
Sie versteht, was ich meine – Intensität im Dasein, nicht im Trinken. Sie wartet, ohne zu drängen. Als ich ihr schreibe – eine Nachricht, kurz: „Ich bin wieder da“ – antwortet sie sofort: „Schön, dass du da bist. Willst du Kaffee?“ Ich lese die Grübchen mit. Grübchen als Interpunktion. Ich habe das vermisst.
Echo·spiel
[essayistisch, selbstreflexiv]
Das Hin- und Herschicken von Sprachnachrichten. Man spricht, aber nie gleichzeitig. Asynchrone Intimität für Leute, die Synchronität überfordert.
Übertragen: Nähe bleibt Konjunktiv.
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Du gehst vor, ich folge nah. Wir teilen diesen Beat, und was er antreibt, wenn du leise laut bist. Wir nehmen uns alles, und wenn wir wieder atmen, verbrennen wir’s.
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Ich erinnere mich an unsere Zeit vor dem Abend.
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Wir treffen uns am Riveufer, gehen spazieren, Hand in Hand. Dann Moritzburg. Ich stehe vor dem Munch. Max Linde. Der Arzt, ausgehfertig. Mantel an. Hut. Schirm. Er könnte gehen. Steht aber da.
„Der geht nicht“, sage ich.
„Nein.“
„Sieh dir die Hände an. Alles bereit. Mantel. Aber die Füße stehen fest.“
„Stimmt.“
„Das ist kein Portrait. Das ist eine Entscheidung, die nicht fällt.“
Sie tritt neben mich. Wartet. Ich rieche ihr Parfum – Blumen, aber im Winter.
„Der Mantel ist nicht Schutz. Der Mantel ist Flucht. Er trägt ihn, damit er jederzeit gehen kann. Aber er geht nicht.“
„Weil er nicht muss.“
Ich sehe sie an.
„Munch malt keine Menschen“, sage ich. „Er malt Zustände.“
„Ja. Aber dieser hier ist ruhiger als die anderen.“
„Findest du?“
„Der schreit nicht. Der steht. Das ist schwerer.“
„Vielleicht ist Stehen die ganze Arbeit.“
„Vielleicht“, sage ich.
Wir gehen weiter – ich drehe mich nicht um.
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Damals. August. Rom. Wir saßen auf dem Balkon. Die Stadt darunter roch nach Abgas und Küchen, die Wärme des Tages noch in den Steinen. Wir redeten über das Trinken. Dass es bei uns beiden mehr war als Gewohnheit. Dass wir beide wussten: so ging es nicht weiter.
Blitz erzählte. Von ihrer Familie. Von ihrer früheren Stadt. Von dem, was ihr jemand genommen hatte. Wenige Jahre zuvor. Von der Dunkelheit, die manchmal kam. Ohne Vorwarnung. Wie ein Sog. Und von den Gedanken, die dann lauter wurden als alles andere, bis sie die einzige Stimme waren, die noch zählte.
Ich erzählte. Von der Ehe. Von den beiden Jahren danach. Von der Flasche, die jeden Abend da war. Von der Angst, nah zu sein. Weil ich wusste: Ich konnte es nicht halten. Nichts halten. Von dem Gedanken – der Idee – die danach kam.
„Das hier“, sagte sie leise. „Das fühlt sich gut an.“
„Ja.“
„Nicht die Bars. Der Zynismus und alles. Das hier. Und wir beide zusammen.“
„Du und ich.“
Ihre Hand in meiner.
„Wir könnten es schaffen“, sagte sie. „Zusammen. Wenn wir wollen.“
„Ich will das.“
„Ich auch.“
Wir saßen da. Lange. Zusammen. Verstanden uns still.
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Das ist vielleicht Liebe (oder was Besseres).
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Am nächsten Morgen flogen wir zurück – nicht weil wir mussten, sondern weil wir wussten: jetzt ging es los. Richtig.
Wir hatten einen Plan – keine Details, nur eine Richtung. Sie würde ihre Therapie wieder aufnehmen. Wir würden weniger trinken. Wir würden uns weiter sehen. Öfter. Und ehrlicher sein. Wir würden reden. Über alles. Auch über das Schwere.
Es war ein Versprechen. Es war ein Versuch. Zusammen.
– – – –
Sechs Monate. Wir konnten uns nicht mehr sehen. Die Zahlen danach sagen nichts. Ich fühle alles. Wieder. Jetzt.
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Et inter omnia ardet: Schweigen – das keiner richtig liest.
– – – –
Kof·fer·last
[feuilletonistisch, lakonisch]
Gepäck, das mehr über die eigene Vorsicht erzählt als über die geplante Reise.
Übertragen: Vorsicht ersetzt Vertrauen.
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Dezember davor. Reise nach Köln. Sehe hoch zum Fenster. Dritter Stock, Altbau. Neue Fassade. Erster Weihnachtstag. The Copper Pot. Eine Fremde. Lachen, Guinness, Nähe. Dorint Hotel Bar, Gespräch, zusammen. Dann – Ich denke an sie. Ich weiß, wie das weitergeht. Ich kenne die Nacht, bevor sie passiert. Stehe auf. Gehe hoch. Lege mich schlafen. Allein.
Zurück. Ich bleibe.
–
Ende Dezember. Ihr Bett. Ich wache auf, sie schläft noch. Liegt auf dem Rücken, einen Arm über ihren Kopf gelegt. Ich betrachte sie. Zehn Minuten. Fünfzehn. Als könnte ich durch Hinschauen verstehen, warum sie mich mag.
Sie öffnet die Augen. Lächelt. Grübchen.
„Wie lange schaust du mich schon an?“
„Die ganze Nacht.“
„Creep.“
„So was von.“
Sie zieht mich zu sich. Wir liegen so. Lange. Draußen Schnee.
–
Drei Monate lang bin ich geblieben – zum ersten Mal seit damals.
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was du hier gibst wenn du es nimmst was ich dir schenke und auch stehle für mich und dich und uns wir suchen reichen weichen gleichen und drängen laben graben wagen und dann glimmen grimmen schwimmen müssen kriechen siechen riechen und immer brennen trennen rennen ich lerne wärme lärme und raube glaube schnaube du schaust mich an und ich zu dir und du erzählst mir ohne worte du kannst finden binden winden hast du das was ich nun will und nimmst von mir wie du es willst und schreiben bleiben treiben nein und ja beide münder rufen suchen fluchen alle hände halten spalten falten unsere körper bücken drücken glücken deine augen weinen reinen scheinen offen dann geschlossen und mein puls wird jetzt dein atem wir beben weben leben wir rollen sollen grollen atem stoppt dein glucken nucken zucken und platzen kratzen schmatzen und mein beißen reißen schmeißen findet dein ducken schlucken mucken und auch kekeln ekeln rekeln wir liegen wiegen schmiegen unser dann
– –
Während der Reha war ich oft im Munch-Haus in Warnemünde, dort, wo er eine Zeit lang wohnte. Munch kam 1907, blieb länger als geplant. Das Haus sieht aus wie alle anderen dort: Backstein, niedrig, dem Wasser zugewandt als wäre das selbstverständlich. Hinter dem Haus steht ein Baum. Nicht der alte – gefallen im Sturm. Neu gepflanzt. Ich schickte ihr ein Foto davon. Postkarte.
Eine zweite. Dritter Stock, Altbau. Kein Absender.
– –
Sie wartet Monate, ohne zu drängen. Sie weiß das alles, kennt die Geschichte aus Köln.
Ob ich es kann? Mit ihr zusammen? Hier an der Giebichensteinbrücke? Morgens da sein? Den Mantel ausziehen? Ich weiß es nicht.
–
Eins bleibt, im Kern, ungeteilt. Der Grundton, der trägt. Am Ende ist es immer der gleiche Ton. Lauter. Leiser. Ducking. Ich rede mir ein, das reicht.
– –
Tür·um·schlag
[essayistisch, elegisch]
Das Schließen einer Tür – nicht laut, aber endgültig. Wie nach einer gescheiterten Verhandlung.
Übertragen: Gegenwart wird Archiv.
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In meinem Kopf kreisen die Fragen – ich weiß nicht, wohin mit ihnen. Ich sitze hier, mitten in der Nacht, die Hände um die Tasse. Draußen Nacht. Zu hell hier. Die Tasse wird kalt. Das Notizbuch auf dem Tisch – aufgeschlagen, kein neuer Satz.
Es gibt zwei Kräfte in mir. Die eine will alles festhalten – urteilen, versinken. Die andere will alles zerreißen – loslaufen, verbrennen. Sie waren immer da.
Wenn die Gedanken nicht aufhören, wenn die Scham wie Beton liegt – dann drückt mich die eine nach unten. Ins Gewicht.
Wenn die Gedanken nicht aufhören, wenn die Energie kein Ziel findet – dann reißt mich die andere nach oben. Ins Feuer.
Beide haben Recht. Und beide lügen.
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Ich lebe. Das ist kein Sieg – das ist Arbeit. Ein Leben, das Raum für beides bietet. Ich schreibe, ich bleibe am Tisch. Ich brenne – ohne zu verbrennen. Ich falle – ohne zu zerbrechen. Ich halte beides aus, weil ich dazwischen bleibe.
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Verstehen ändert nichts.
Nähe ist schwer.
Punkt.
– – – –
Dann beginnt es. Erst ist es nur Unruhe. Die Gedanken schneller als vorher. Der Schlaf kürzer. Vier Stunden reichen. Dann zwei. Dann gar nicht mehr. Ich denke: Das geht vorbei. Es geht nicht vorbei.
Ich stehe vor dem Späti. Durch die Scheibe: die Whiskeyflaschen. Oben links. Grünes Etikett. Schwarzes Etikett. Ich kenne die Etiketten auswendig. Das verlernt man nicht so schnell.
Schnell weg.
Nachts kann ich nicht liegen. Zu viel Energie. Zu viele Ideen. Ich schreibe. Die Musik läuft laut. Fünf Seiten. Zehn. Fünfzehn. Alles gut. Alles brillant. Ich lese es morgens, und es ist Müll, aber ich schreibe weiter, immer weiter, getrieben von der Illusion, dass der nächste Satz der richtige sein wird.
Das Bett zu schwer, der Kopf zu voll, duschen, habe nichts gemacht, vier Stunden später immer noch, dusche wieder, nichts. Nachgedacht. Über alles. Über nichts. Über mich. Über sie. Stunden durch die Galerien der Stadt. Dann Fotos sortieren. Endlos. Entsorge einen Teil. Stunden später. Nachts im Container. Grabe sie aus. Manche finde ich nicht mehr. Und zurück in der Wohnung komponiere ich Melodien, zeichne Fragmente. Liebe war möglich – Ich weiß nicht, ab wann das Wort aufgehört hat, mich zu erschrecken, ob es die Monate in der Klinik waren oder die Spaziergänge an der Ostsee oder einfach die Erschöpfung des langen Gegenteils – aber in dieser Nacht steht es da, in meinem Kopf, ohne Anführungszeichen, ohne Ironie, und ich lasse es stehen.
Weiter.
Bis morgens. Bis mittags. Bis. Ich suche die gelbe Muschel in all den vielen Kisten, finde sie und halte sie stundenlang. Ich drehe sie. Rau auf der einen Seite, glatt auf der anderen. Sie trägt jemanden – der Mantel. Ich brauche ihn nicht mehr. Mir ist gar nicht so kalt.
~
Frederik Rentrop
Pegel Null – Ostsee Cut Remix
2026
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Textpassagen remixed aus:
Blitz (2014)
Lyrik-Fragmente remixed aus:
Alles (2003), Jetzt! (2003), Pferdeschwanzgedanken (2006), Picknick (2009), Refrain (2010), Oben kein Service. Unten kein Flair. (2013), Push-Nachricht um Mitternacht (2014), Mehr Glut als Plan (2014), Playlist für Zahlen (2014), Flutmond (2015), Puls sine fine (2016), Kippt (2017), Buffering (2018), Shift (2019), Druck. Schub. (2020), Nur eine Bar (2025), Farbwert / Sättigung (2025), unser dann (2025)
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