Ein Schatten klebt am Tresen.
Kein Mangel, sondern Wärme, die beißt.
Kein Aperol, kein Blitzlicht,
kein kitschiger Firlefanz.
Die Burg guckt weg. Hier guckt keiner hoch.
Patina heißt hier: abgenutzt, also echt.
Hier glänzt nichts. Also stimmt’s.
Die Gäste.
Immer andere, immer gleich.
Die Bar spuckt sie aus, saugt sie ein.
Heute hier, morgen Legende.
Als wären sie aus Filmen,
die keiner zu Ende guckt.
Kein Vertrag, nur Schnaps.
Jeder verloren, jeder am Leben.
(Statisten mit Sprüchen, ohne Applaus.)
Der Kripo-Mann.
Stimme wie ein altes Tonband.
DDR im Atem, verraucht und körnig.
„Das Gute“, brummt er.
Meint Bier, die Jahre, vielleicht sich.
Nie direkt, immer um die Ecke.
Trinkt, als würde gleich einer fragen.
Sätze wie Akten: verstaubt, aber schwer.
(Verhör? Mit Kippe. Nie mit Druck.)
Der Binnen-Kapitän.
Flüsse im Kopf, brackig und tief.
Lachen wie ein Motor, der hustet.
Kurz, rau, ohne Schnörkel.
Seine Hände reden,
sortieren Karten, die keiner sieht.
Mehr Kurs im Kopf als auf jedem Plan.
(Heimathafen? Nur ein Anker fürs Zurück.)
Der Skateboarder.
Locker. Ohne Show.
Schuhe, abgelaufen, und Wege, die
nirgendwohin führen.
Blick geradeaus, doch er sitzt fest.
Positiv, als wüsste er: morgen geht schon klar.
Nimmt alles, wie’s kommt. Kein Stress.
(Vier Rollen. Fünf Züge. Fertig.)
Der Eingestiegene.
Ex-Wessi, jetzt festgewachsen.
Verpasste den Zug, fand den Tresen.
Kein Plan, doch bringt er Ideen.
Zwischen gestern und Glas.
Einfach da:
ein Bier, ein Nicken, gut.
(Her geflüchtet. Stets zugepackt.)
Die Chefin.
Keine Pose, nur Rückgrat.
Kennt jeden Namen, jede Lüge.
Tresen und Wille: unzertrennlich.
Was zählt, bringt sie. Und es sitzt.
Mächtig, ohne Fanfare.
Wenn sie was sagt, hörst du auf.
Sie hält die Bude zusammen,
die anderen drehen Kreise, sehen’s nicht.
Hart im Kern. Keiner merkt’s.
Bis einer’s verdient. Dann knallt’s.
(Sieht weich aus. Ist Stahl.)
Holz, Bier, Rauch.
Die Bar feiert, indem sie atmet.
Ein Schaum, der kam und ging.
Kein Plakat, kein Jubel.
Nur: Hier.
Gestern steckt in den Flecken
auf den Tischen.
Morgen? Scheiß drauf.
Das Jetzt hält. Bis die Tür fällt.
(Wer hier war, schleppt die Bar mit.)
Ein Ort, der bleibt, weil er muss.
Weil er nichts anderes kennt.
(Konzept? Leben. Das reicht.)
Eine Bar.
Nur eine Bar.
Ein paar Bier. Gespräche.
Dunkel genug, dass du bleibst.
Seite genug, dass du gehst.
Pointe? Keine.
–
Frederik Rentrop
2025
Schlagwort: Neolyrik
-
Nur eine Bar
-
Buffering
Aufgewühlt im Rauschen, losgelöst, keine Strömung.
Passagen kartographiert, die keine Karte kennt.
Das Nichts bebt noch.
Zeit sickert durch, niemand da.
Momente entstehen, dann vorbei, treiben weg.
Still gestellt. Vibriert trotzdem.
Schwach festgehalten, dann weg.
Kein Rahmen mehr, keine Form.
Nur dieses Gleiten um drei Uhr nachts.
Zu vage um zu bleiben, zu real um zu gehen.
–
Unter der Oberfläche gibt alles nach, verblasst wie bedruckter Stoff.
Eingeätzt im Atem eines Versprechens, kalt geworden.
Absichten losgelassen, Tageslicht kommt trotzdem. Brutal.
Ein Aussetzer, Buffering, eine Verzerrung.
Phrase zu Stein. Schatten falsch geworfen. Nichts zu haben.
Man hat sowieso nichts. Hatte nie.
Licht durchs Leinen verlernt das Leuchten.
Konturen aufgelöst, sieht aus wie Laphroaig.
Versiegelt, vor dem Öffnen.
Man verlernt alles, auch Fallen.
Hineingezogen in Stille, fade to black.
–
Keine Grenze mehr, kein Ende, kein Gesicht.
Nur Stille, kommt näher, zieht sich zurück.
Kein Selbst zum Folgen, auch keins zum Fliehen.
Nur dazwischen, immer. Die eine Narbe, die bleibt.
–
Frederik Rentrop
2018 -
Kippt
INT. HOTELZIMMER - TAG
Scheiben schwitzen.
Die Wände atmen nicht.
Whiskey. Schweiß.
Ich hocke hier,
als wär's mein Geruch,
der nicht geht.
Fernseher: Stumm.
Das Fenster hält Atem.
Ein Hauch,
fast nichts,
trägt Kälte.
Die Weite
nicht für mich.
Lärm schlägt durch.
Zu nah.
Stimmen
von früher,
nicht mehr zu ertragen.
EXT. STRASSE - NACHT
Glück kippt.
Mond: Scheinwerfer.
Mein Kopf im Rausch.
Straßen taunass.
Lampen fahl.
Schatten stolpern, hungrig,
verloren.
INT. HOTELZIMMER - NACHT (SPÄTER)
Zwei Menschen.
Unser Atem zu nah.
Salz-Erdnuss-Finger
an deiner Hand.
Ein Hauch,
fast nichts,
trägt Wärme.
Kurzer Sieg,
sofort verloren.
Wiederholt.
Neben mir:
die Flasche.
Trennt mich vom Leben,
wie draußen
von drinnen.
Schraubverschluss klebt.
Ich hebe sie an,
was mich halten sollte,
kippt raus.
Nacht am Fenster.
Draußen geht ein Licht an.
Meins nicht.
–
Frederik Rentrop
2017 -
Flutmond
Sie stolpert durch die Stunden,
Kopf schwer, Sicht nur ein Spalt.
Raus will sie, raus aus dem Käfig.
Sie sieht es nicht, will es nicht sehen.
Sehnsucht glimmt,
Dunkel zieht sie tiefer.
–
Sie ist nah und gleich wieder weg,
scheu wie ein Streuner.
Ich flüstere von Straßen, Nebel, Flucht.
Sie hört hin, und etwas bewegt sich.
Ihr Herz schlägt schnell, ein neuer Takt.
Ein Gedanke greift, nimmt sie mit.
Glut, noch kein Feuer.
––
Ich halte sie –
ihr Puls zuckt neu.
Sie atmet auf, ganz sanft.
Was verschlossen war, springt auf.
Nur das. Jetzt.
––
Ihr Blick brennt, Funken in der Luft.
Stille wird hörbar.
Ihr Zweifel sinkt.
Sie will Sturm – roh, ohne Schmuck.
––––
Strom bricht los, wild und zart
zugleich.
Herz gegen Herz –
ein Ruck.
Schmerz blüht, sie errötet.
Sie atmet tief.
Pein wird Lust.
––––––––
Das Meer rauscht im Kopf.
Die Wand reibt an ihrer Schläfe.
Ihr Leib glüht – vertraut
und fremd,
klar und gefährlich.
Begierde steigt, süß und falsch.
Ein Schrei zerreißt
die Luft.
Die Flamme tanzt
auf Glut.
Ich gehe vor – sie folgt,
wird Wort,
wird echt.
Zwei Ströme in einem Fluss.
Das Beben macht sie
frei.
––––––––––––––––
Und über allem hängt der Flutmond.
Er hält.
Die Erde ruht unter ihr.
Die Nacht zersplittert.
Sie bleibt –
getragen.
Und sie weiß.
–
Frederik Rentrop
2015 -
Mehr Glut als Plan
Wir,
beim Tanz auf der Glut,
im Vulkan an einem Dienstag,
komplett übermotiviert.
–
Du rutschst fast weg,
Hals voran, stolz mit Absicht.
Ich halte dich,
weil irgendwer ja
immer plötzlich irgendwen halten will.
–
Und greife zu
mit ganzer Hand
an deinem Puls,
na klar,
etwas mehr Druck –
dass es dir noch
nach Liebe schmeckt.
–
Dann:
der Ausbruch,
Filmreife Szene.
Feuer, Asche, Rauch,
wir sehen nichts mehr,
nicht mal uns.
–
Aber hey:
wir leuchten,
immerhin.
Zwei Flammen,
die glauben,
sie wären Sterne.
–
Ich habe dich gerufen.
Oder du mich.
Vielleicht sind’s
Echos anderer.
Egal.
Klingt gut.
–
Frederik Rentrop
2014 -
Push-Nachricht um Mitternacht
Erzähl mir das Ende
dieser Geschichte,
noch bevor sie sich selbst schreibt.
Nur ein Stück,
gerade genug,
um zu ahnen,
wer du wirklich bist:
unter deiner Haut,
hinter deinem Lächeln,
in deinen Augen,
–
die sich öffnen,
dann blitzen,
kurz schließen,
und dann brennen.
Als wüsstest du's nicht,
dass ich dich gerne lese,
so wie man nachts
von einer Push-Nachricht geweckt wird
und sich trotzdem freut,
und sich den Rest
für den Morgen aufhebt,
–
und ja,
das stimmt schon.
Mehr, als du denkst.
–
Denn ich kenne
deine Stimme,
deine Worte,
Blicke,
dieses Glucksen,
diese kleinen Bewegungen,
die du machst,
wenn du glaubst,
keiner sieht's.
(Spoiler: doch.)
–
Wenn du lachst,
wird alles
sofort ein bisschen
leichter,
wie nebenbei,
ein stiller Hinweis,
dass du's denkst
und ich's spüre,
dieses Spannung,
wenn keiner was sagt –
und trotzdem alles passiert.
–
Denn immer,
wenn du da bist,
bleibt diese Geschichte.
Bis zur letzten Zeile.
Irgendwann.
(Vielleicht)
–
Frederik Rentrop
2014 -
Playlist für Zahlen
[1]
Bleibt,
erster Track im Set,
spürbar,
schwer.
Läuft sowieso.
(Opening-Nummer. Die Hoffnung, dass der Rest auch so gut wird wie die erste Kippe nach drei Wochen.)
<<<3<<<
Schon geteilt,
und Stimmen
wie Vocals im Echo,
ineinander geschoben,
nicht mehr zu trennen.
(Drei ist schon Crowd. Ab hier muss man die Leute mögen, sonst geht's nicht.)
||11||
Eine Reihe,
zwei Stellen,
zu viel für die Hände.
Zwei Ziffern,
out of sync.
(Zwei Einsen nebeneinander. Wie Stäbchen, mit denen ich nie essen konnte.)
### 27 ###
Ein Haufen,
ein Schwarm.
Samples im Loop,
zu dicht,
kein harter Drop.
(Irgendwo in der Mitte des Abends. So viele Gesichter, so viele Drinks. Ich erinnere mich nur an die zu hohen Barhocker.)
100 BPM
im Kopf,
wie der Motor
im Herz.
Ein Puls,
der hält.
(Hundert Beats in der Minute. Tanzbar, aber nicht zu sehr. Wie ein Gespräch, das nie ins Peinliche kippt, aber auch nie zündet.)
[CAT:0504]
Ein Register,
eine Catalogue-ID,
wie im Label-Archiv.
Ein Beat,
ohne Bass.
(Katalognummern sind für Leute, die alles ordentlich abheften. Ich habe nicht mal eine Schublade, die nicht klemmt.)
9 0 3 7
So groß wie nichts,
so fern wie Streams.
Eine Zahl,
die niemand
mehr fühlt.
(Views, Likes, Follower. Jemand schreibt: „Krass, 9.000!" – Ich: „Ja." Und lösche die App.)
Und doch.
Eins bleibt,
im Kern,
ungeteilt.
Der Grundton,
der trägt.
(Am Ende ist es immer der gleiche Ton. Lauter. Leiser. Ducking. Ich rede mir ein, das reicht.)
Frederik Rentrop
2 0 1 4 -
Oben kein Service. Unten kein Flair.
Oben kein Service. Nur ein schönes, stilles Zimmer.
Vertrautheit wie ’ne Frau, die dich vollständig kennt.
Eine Hand, die gibt. Ein Lachen, das dich hält.
Kein Feuer, kein Puls und kein Schweiß.
–
Unten kein Flair. Nur die rohe, flüchtige Hitze.
Leidenschaft wie ’ne Schlägerei. Ihr Körper und sonst nichts.
Haut überall, die fordert. Ein Kratzer, man nimmt’s hin.
Keine Wurzeln, kein Licht und kein Herz.
–
Oben kein Service. Unten kein Flair.
Das Leben ’ne Spelunke in miesem Licht.
Die Liebe ein Halbstück wie ’ne leere Flasche.
Ein Schluck, doch nie der ganze Traum.
–
Oben sitzt du. Redest, kommst zum Kern.
Klar, Worte, die tragen, doch ohne Glut.
Unten brennst du. Willst mehr und nimmst es.
Dann der Morgen, alles weg. Nichts bleibt.
–
Frederik Rentrop
2013 -
Refrain
Du lehnst dich vornüber,
das Licht bricht hart an deinen Schultern,
Schweiß flimmert auf deiner Haut,
wo jeder Takt die Luft in Streifen schneidet.
–
Nichts bleibt still,
nicht du, nicht ich.
Ein Brummen zwischen uns,
wie ein Motor in einer heißen Sommernacht,
der uns mitzieht,
bis die Straße uns auffrisst.
––
Was kommt,
hängt nicht an dir,
hängt nicht an mir.
Es rinnt
wie Schweiß in den Kragen,
wie Regen auf Asphalt.
–––
Wir halten nichts zurück,
dein Schrei schlitzt die Nacht entzwei,
mein Griff an deinem Puls,
so fest wie ein Gedanke,
der bleibt.
––––
Und wenn alles zusammenkracht,
nehmen wir’s
wie einen Refrain,
der zu gut ist,
um nur einmal gespielt zu werden,
noch einmal,
bis die Nacht uns ausspuckt.
–––––
Frederik Rentrop
2010 -
Pferdeschwanzgedanken
Ich ertappe mich,
schon wieder dabei,
wie ich daran denke,
an ihren Haaren zu ziehen.
~
Nicht wild,
nicht roh,
einfach so:
bleib mal kurz hier.
~
Sie trägt die Haare hoch:
Pferdeschwanz.
Absichtlich, natürlich.
Zopf und Gummi vom Büdchen
(sie weiß, was sie tut).
~~
Wenn sie tanzt …
vorn,
gerade noch so in Reichweite …
und so tut, als wär ich Statist,
dann muss ich,
ganz kurz
einmal.
~~~
Nicht reißen,
nur Kontrolle.
Ich spür dich,
das hier ist echt.
~~
Und sie?
Lässt es zu.
Vielleicht für mich,
vielleicht für sich
(vielleicht beides).
~
Ich mag sie,
sehr sogar.
Sie hat was verändert
in mir.
Nicht viel …
Besser: wenig.
~
Mit ihr ist selbst
nichts machen
ein guter Plan.
~~
Und manchmal,
wenn ich daran denke,
wie sie bleibt,
wie sie lacht,
wie sie tanzt,
~~~
dann wird's laut
in mir,
für einen Moment,
~~~~
und ich denk:
Das ist vielleicht Liebe
(oder was Besseres).
~
Frederik Rentrop
2006