Schlagwort: Spoken Word

  • Druck. Schub.

    I
    Druck.

    Kein Gedicht. Nur ein abgerissener Typ am Tresen. Redet.
    „Kunst, Baby. Alles Kunst.“
    Und er grinst nicht.

    Nein. Ich grinse nicht.

    Musik scheppert von der Bühne, aus den Boxen. Vielleicht die Stooges; vielleicht nur irgendeine Coverband. Wer weiß das schon. Dröhnende Marshall-Türme über laute Drums.

    Ihr schaut zu, wie ich mich zerlege, und denkt, da steckt Haltung drin. So eine bewusste Geste. Aber nein. Es ist nichts weiter als Schwerkraft. Restschatten. Der Körper zieht nach unten. Das Gesicht auch. Und wenn’s nur noch klebt, dann ziehst du die Füße hoch. Als wär das irgendeine Lösung.

    Der Druck flüstert dir ins Ohr, dass morgen leichter wird. Er gibt mir Worte und zieht sie gleich zurück, als wären sie Pfand. Kellerbars sind ehrlicher. Niedrig. Feucht. Dreckiger Putz. Leuchtstoffröhren flackern und blenden. Kein Ausblick. Ihr wollt ein Ende? Sehr gern. Schluss ohne Theater. Es folgt ein Drama im Verlieren. Nur Schatten. Fallend in die eigene Katastrophe.

    II
    Schub.

    Noch immer kein Gedicht. Nur ein brennender Typ vor den Boxen. Schreit.
    „Alles ist jetzt. Alles!“
    Und er meint es.

    Ja. Ich meine es.

    Musik prügelt. Hämmert von allen Seiten. Vielleicht PAWSA live; vielleicht nur eine Playlist. Die Rillen qualmen, die Höhen schrill, der Bass zu tief. Alles brummt. Alles übersteuert.

    Ihr schaut zu, wie ich mich zerreiße, und denkt, das ist Ekstase. Pure Auflösung. Aber nein. Es ist Starkstrom. Flutlicht. Ein Schlag auf die Augen. Und wenn’s dir auf die Nerven geht, drehst du den Pegel hoch. Noch höher. Bis alles platzt.

    Der Schub tut, als wär er Rettung. Worte wie Brand. Alles brennt. Sofort verbrannt. Nächte stoßen aus dem Rücken. Pfeifen durch die Zähne. Machen den Kopf scharf. Und irgendwo knackt es, als würde etwas reißen. Tempo. Kein Schlaf. Ihr wollt Kontrolle? Vergesst es. Die Hände spucken Seiten. Songs. Bilder. Chaos. Alles. Immer mehr. Zu viel. Feuer im Überschuss. Getrieben in die eigene Explosion.

    III
    Nichts. Alles.

    Gewicht und Feuer. Kontrolle? Scheiß drauf. Beide tanzen trotzdem. Ein Walzer im leeren Saal. Fallen. Sofort wieder auf. Das Stück läuft weiter. Publikum fehlt. Ich stehe dazwischen. Festgenagelt in der Mitte. Oder getrieben im Kreis.

    Nichts tut so, als wäre es alles. Schnaps, der nichts hält. Mädchen, die morgen weg sind. Zeilen, die durchdrehen. Schatten stolpern zwischen Schweigen und Aufbruch. Fragen falsch, Antworten schon müde. Zerfall als Drehzahl.

    Ich feiere den Abriss und zähle Verluste wie Deckelstriche. Ich tanze die Idee, während der Pegel steigt. Wenn einer nach Wahrheit fragt, zeige ich das Glas, in das ich eben gespuckt habe. Sage: Das hier, heute. Nicht schön. Nicht klug. Aber tragfähig für den nächsten Satz.

    Ein Raum wird leer. Abspann über Standbild. Tonspur auf Schwarz. Ein Rest bleibt – und verschwindet sofort. Ein Wechsel ohne Richtung, kein Halt. Nur Wiederholung. Und ich tue, als wär’s eine Performance.

    Frederik Rentrop
    2023

  • Playlist für Zahlen

    [1]
    Bleibt,
    erster Track im Set,
    spürbar,
    schwer.
    Läuft sowieso.
    (Opening-Nummer. Die Hoffnung, dass der Rest auch so gut wird wie die erste Kippe nach drei Wochen.)

    <<<3<<<
    Schon geteilt,
    und Stimmen
    wie Vocals im Echo,
    ineinander geschoben,
    nicht mehr zu trennen.
    (Drei ist schon Crowd. Ab hier muss man die Leute mögen, sonst geht's nicht.)

    ||11||
    Eine Reihe,
    zwei Stellen,
    zu viel für die Hände.
    Zwei Ziffern,
    out of sync.
    (Zwei Einsen nebeneinander. Wie Stäbchen, mit denen ich nie essen konnte.)

    ### 27 ###
    Ein Haufen,
    ein Schwarm.
    Samples im Loop,
    zu dicht,
    kein harter Drop.
    (Irgendwo in der Mitte des Abends. So viele Gesichter, so viele Drinks. Ich erinnere mich nur an die zu hohen Barhocker.)

    100 BPM
    im Kopf,
    wie der Motor
    im Herz.
    Ein Puls,
    der hält.
    (Hundert Beats in der Minute. Tanzbar, aber nicht zu sehr. Wie ein Gespräch, das nie ins Peinliche kippt, aber auch nie zündet.)

    [CAT:0504]
    Ein Register,
    eine Catalogue-ID,
    wie im Label-Archiv.
    Ein Beat,
    ohne Bass.
    (Katalognummern sind für Leute, die alles ordentlich abheften. Ich habe nicht mal eine Schublade, die nicht klemmt.)

    9 0 3 7
    So groß wie nichts,
    so fern wie Streams.
    Eine Zahl,
    die niemand
    mehr fühlt.
    (Views, Likes, Follower. Jemand schreibt: „Krass, 9.000!" – Ich: „Ja." Und lösche die App.)

    Und doch.
    Eins bleibt,
    im Kern,
    ungeteilt.
    Der Grundton,
    der trägt.
    (Am Ende ist es immer der gleiche Ton. Lauter. Leiser. Ducking. Ich rede mir ein, das reicht.)

    Frederik Rentrop
    2 0 1 4
  • Pferdeschwanzgedanken

    Ich ertappe mich,
    schon wieder dabei,
    wie ich daran denke,
    an ihren Haaren zu ziehen.
    ~
    Nicht wild,
    nicht roh,
    einfach so:
    bleib mal kurz hier.
    ~
    Sie trägt die Haare hoch:
    Pferdeschwanz.
    Absichtlich, natürlich.
    Zopf und Gummi vom Büdchen
    (sie weiß, was sie tut).
    ~~
    Wenn sie tanzt …
    vorn,
    gerade noch so in Reichweite …
    und so tut, als wär ich Statist,
    dann muss ich,
    ganz kurz
    einmal.
    ~~~
    Nicht reißen,
    nur Kontrolle.
    Ich spür dich,
    das hier ist echt.
    ~~
    Und sie?
    Lässt es zu.
    Vielleicht für mich,
    vielleicht für sich
    (vielleicht beides).
    ~
    Ich mag sie,
    sehr sogar.
    Sie hat was verändert
    in mir.
    Nicht viel …
    Besser: wenig.
    ~
    Mit ihr ist selbst
    nichts machen
    ein guter Plan.
    ~~
    Und manchmal,
    wenn ich daran denke,
    wie sie bleibt,
    wie sie lacht,
    wie sie tanzt,
    ~~~
    dann wird's laut
    in mir,
    für einen Moment,
    ~~~~
    und ich denk:
    Das ist vielleicht Liebe
    (oder was Besseres).
    ~
    Frederik Rentrop
    2006
  • remix.groove/reprise

    der morgen findet uns nah,
    dein atem ist noch warm vom schlaf.
    dein lachen: erstes wort. genau richtig,
    ein grinsen, das mich kennt.
    der tag geht los, wir bleiben liegen,
    und du bleibst hier.
    /
    du summst wie ferne bienen,
    vanille und stadt auf deiner haut.
    ein blinzeln, so leicht,
    du nimmst meine hand,
    als wär's zum ersten mal. track eins.
    wg-küche: magnete halten pläne,
    jemand öffnet cornflakes im halbschlaf,
    eine tür atmet. kann jemand kaffee? läuft.
    /
    kein ziel, kein plan, kein stress,
    nur diese küche mit offenem fenster.
    der wasserkocher macht nebel,
    wir würzen den toast mit pfeffer
    und nennen das leben. passt.
    /
    kaffee am rhein mit dampf in der hand.
    ein boot bügelt die wellen glatt,
    ein kran zieht die wolken krauselig.
    /
    die uhr nun langsam
    und der blick ganz schnell,
    bis wir uns wiedersehen.
    den rest erzählen wir dort. bald.
    /
    du zeigst mir die abkürzungen und
    ich erfinde die umwege.
    wir treffen uns genau dazwischen,
    an einem büdchen, das auch im winter
    an sommer glaubt. hook.
    /
    vinyl nur noch als leise spur
    in der erinnerung.
    handy ohne balken,
    wir tauschen erzählungen,
    dein heute, mein jetzt,
    remix aus worten,
    wir lassen sie laufen wie musik.
    nur mit uns. repeat.
    /
    cafés, die uns noch nicht kennen,
    flussufer, brücke, wind an der wange.
    wir spielen unseren song
    und hören dem echo zu. refrain.
    /
    du fühlst den groove,
    ich halt den beat,
    deine söckchen auf der heizung.
    die stadt klopft durch die wände,
    wir klopfen zurück. call & response.
    /
    kein ziel, nur shuffle,
    und unser gemeinsames zählen.
    eins für den blick und zwei für die hand,
    drei für das hier und vier für kommst du mit?
    fünf, und schon sind wir weiter.
    /
    nachts leuchtet die stadt wie türme aus gläsern,
    mit straßenbahnen aus licht.
    wir gehen im jetzt verloren,
    und bleiben gerne dort,
    denn der morgen ist egal.
    zusammen. goodnight.

    frederik rentrop
    köln, 2005
  • endlos.groove/attack

    vinyl dreht sich
    in unserer zimmerluft,
    die noch nach nächten riecht.
    /
    ein knacken zwischen den tracks,
    wie kurz vorm bassdrop,
    in einem club,
    der uns
    bis zum morgen hält.
    /
    du im hoodie,
    die haare zerzaust,
    von club zu club in der nacht,
    im beat dieser stadt,
    mit dem song,
    der uns nicht loslässt.
    /
    ich lehne
    an der wand,
    lese deinen mund
    wie liner notes.
    /
    du ziehst mich
    in die rillen zurück,
    wir drehen weiter,
    wir lassen nicht nach,
    kein stopp,
    nur laut.
    /
    der abend vergeht,
    aber der song bleibt endlos,
    während die platte leer weiterläuft.
    /
    wir zwei,
    im groove gefangen,
    weil wir
    in unserem refrain
    versinken.
    /
    vinyl dreht sich.

    frederik rentrop
    köln, 2004
  • Jetzt!

    Die Stadt kocht,
    rennt, tropft und brennt.
    Die Musik rockt in
    Bars, Clubs und Hallen.

    Alles klingt nach Jetzt,
    selbst was erst morgen ist.
    Wir hören nur:
    Weiter, weiter, weiter.

    Logos wie Kicks, dazu fünf Flaschen Bier:
    Das Raster bleibt stabil.
    Literatur mit uns an der Bar:
    Kritzelei auf Bierdeckeln, lauter als der DJ.
    Cut. Weiter.

    Ausstellungen wechseln
    schneller, als wir blinzeln:
    Auf, zu,
    neu.

    Wir stolpern:
    vom Kickertisch zu Groove Attack,
    dann in den Park.
    Auf den Ringen: mit Augen.

    Graffiti brutal auf Metall.
    Jeder Waggon: ein Screen.
    Jeder Zug: ein Beat.
    Wir lesen den Takt.

    Kölsch im Stehen,
    Pizza im Gehen.
    Wir fressen die Nacht,
    die Nacht frisst zurück.
    Layout der Straßen:
    unruhig, chaotisch, aber lesbar.

    Dann der Rhein:
    Breit, kühl und unbeeindruckt.
    Er schweigt,
    wir hören alles.

    Dann der Keller:
    Drum’n’Bass wie Maschinen.
    Bass. Snare. Bass. Snare.
    Weiter.

    Mädchen: Ironie im Blick,
    zwischen Kuss und Rausch,
    zwischen Flirt und Crush.
    Jeder will was sagen,
    jede hat was zu sagen.
    Nah, laut, alles richtig.

    Taschen voller Zettel:
    Texte, Bilder, Nummern, Herzen.

    Herzen zu schnell:
    Beats, Blicke, Lichter, Stimmen.

    Jetzt!

    Frederik Rentrop
    Köln, 2003