Begriffsminiaturen leiser Exzesse

Im Frühjahr dieses Jahres begann ich, Begriffe zu sammeln. Begriffsminiaturen, keine Aphorismen. Eher Beobachtungsnotizen. Schattenbegriffe, wenn man großzügig ist. Was auch immer es ist: Es beginnt mit einer Geste. Und endet in einem Schlusssatz, der alles ordnet. Die Sammlung läuft. Theoretisch.

Zel·lo·phan·gier

Das Abziehen der Zellophanfolie von einer Marlboro-Schachtel – eine Handlung, die man vor Nichtrauchern verbirgt, weil sie zeigt, dass man nicht will, sondern muss.

Übertragen: Sucht zeigt Scham.

Um·sturz·se·kun·de

Der Moment, in dem ein Gedanke kippt. Eben noch Verbündeter, plötzlich Staatsanwalt. Man merkt: Verhandlungen zwecklos.

Übertragen: Hoffnung wird Klarheit.

Re·gen·ver·zehr·ge·neh·mi·gung

Die selbst ausgestellte Erlaubnis, im Café noch einen Americano zu bestellen, weil es gleich regnen könnte. Meteorologie als Lebenshilfe.

Übertragen: Ausrede wird Methode.

Echo·spiel

Das Hin- und Herschicken von Sprachnachrichten. Man spricht, aber nie gleichzeitig. Asynchrone Intimität für Leute, die Synchronität überfordert.

Übertragen: Nähe bleibt Konjunktiv.

Lösch·klar·heit

Dieser sehr klare Moment nach dem Löschen von Mails, Chats, Kontakten – in dem Verlust sich wie Effizienz anfühlt. Für etwa zwanzig Minuten.

Übertragen: Ordnung wird Illusion.

Buch·raub·recht

Die feste Überzeugung, dass Bücher nicht Eigentum sind, sondern Zuständigkeiten. Und dass man für diesen Kracht zuständiger ist als der Gastgeber.

Übertragen: Aneignung wird Moral.

Kof·fer·sehn·sucht

Einen Rimowa packen, langsam, methodisch – nicht um zu gehen, sondern um zu demonstrieren, dass man könnte. Aufbruchsgeste als Interieur-Accessoire.

Übertragen: Freiheit bleibt Theater.

Kof·fer·last

Gepäck, das mehr über die eigene Vorsicht erzählt als über die geplante Reise.

Übertragen: Vorsicht ersetzt Vertrauen.

Fla·schen·ab·schied

Das Wegwerfen leerer Flaschen. Eben noch Petit Verdot und Gesprächsöffner, jetzt Altglas.

Übertragen: Erinnerung wird Müll.

Vor·wort·star·re

Das Erstarren nach dem ersten Satz, wenn aus Vorhaben plötzlich Verpflichtung wird.

Übertragen: Idee fordert Arbeit.

Hem·den·leid

Das diskrete Entsorgen von Hemden bei der Reinigung – nicht die billigen, die teuren. Die von früher, als man noch schmaler war oder optimistischer.

Übertragen: Biografie wird Kragenweite.

Nach·wort·lee·re

Die Zufriedenheit, nur das Nachwort von Franzen gelesen zu haben und trotzdem mitreden zu können.

Übertragen: Bildung wird Täuschung.

Bü·cher·reu·e

Das Wissen, dass man diesen Knausgård nie lesen wird – und ihn trotzdem nicht hergibt, weil er für eine Version von einem selbst steht, die man respektiert, ohne sie zu sein.

Übertragen: Möglichkeit wird Möbelstück.

Schluss·satz·wucht

Der letzte Satz, der plötzlich alles ordnet. Auch das, was man nicht verstanden hat.

Übertragen: Bedeutung wird Nachzügler.

Erst·satz·last

Der erste Satz, der sofort ein Versprechen abgibt – und man weiß schon beim Schreiben, dass man es nicht halten wird.

Übertragen: Versprechen wird Lüge.

Tür·um·schlag

Das Schließen einer Tür – nicht laut, aber endgültig. Wie nach einer gescheiterten Verhandlung.

Übertragen: Gegenwart wird Archiv.

Auf·zugs·stil·le

Das Schweigen zwischen Fremden im Aufzug – keine Feindseligkeit, nur Einverständnis darüber, dass man einander nichts bedeutet.

Übertragen: Gleichgültigkeit wird Einverständnis.