• Guter Mensch

    Bin da reingestolpert, damals, in diese Designagentur.
    Reingestolpert – und aufgenommen.
    Gut aufgenommen. Besser, als man das eigentlich erwartet.
    Großzügig.
    Selbstverständlich:
    geteilte Imagination.

    Ich wusste nichts.
    Ich konnte nichts.
    Ich wollte alles.
    – Und da warst du.

    Fotografie: von dir gelernt, dass das wirklich Licht ist, nicht Technik.
    Ein Moment, eingefangen, als würde man eine Sekunde zum Leuchten zwingen.

    Und Musik: von dir Jazz.
    Treibend seitdem.
    IPA: [jat͡sː]
    ~ Der Bass redet mit.
    Nicht Begleitung. Kein Hintergrund. Gespräch.
    Bass gleich Rhythmus.
    Ein zweiter Puls.
    Manchmal schneller als man selbst.
    Gerade dann ~ wenn er langsam läuft.
    ~
    Kunst also. Alles.
    Und ich ~ sofort fasziniert. Natürlich.
    ~
    Gespräch mit dir in einem frischen Neujahr:
    ich / sie: ~ Bruch unausweichbar.

    Dann hast du mir ein Instrumental geschickt.
    Einfach so.
    Als mich Rat nicht mehr erreicht hat.
    Aber deine Musik.

    Und bis heute macht es mich leicht dieses zu hören.
    (Das passiert selten.
    Dass etwas leicht macht.)
    ~
    Guter Mensch.
    Guter Künstler.
    In dieser Reihenfolge.
    In dieser Gewichtung.
    Und: Vorbild.

    Danke, Kai Kanthak.
    ✶ 27.10.1955 ✝︎ 25.05.2025
  • Kürbiskernnüsse?

    Halle (Saale), 13. Juli 2025

    Getrieben von irgendwann.
    Aber irgendwann –
    kontrollier ich das Ganze.

    Safe.

    In Sonne auf Kunstleder sitzen:
    erst warm,
    dann klebt’s,
    dann schämst du dich.
    Wird irgendwann heiß und falsch.
    Hab ich gemerkt,
    als wir aufstanden –
    sie zuerst –
    ich hinterher.

    Statt Café plötzlich Saale.
    Schatten wechselt die Straßenseite.
    Wir auch.
    Nicht Hand in Hand,
    aber nebeneinander.
    Also: mehr.

    Morgens.
    Küche.
    Sie ist da –
    wo ich nie bin.
    Kramt rum.
    Warum ich keinen Wasserhahn habe?

    Dann zurück im Bett.
    Augen auf,
    sie hält eine Tüte hoch:
    „Willst du auch Kürbiskernnüsse?“
    Hat sie gefunden.
    In meiner Küche.
    Wo sie eben war.

    Klar will ich.
    Also: ja.
    Sag ich nicht.
    Aber nicke.

    Küche danach.
    Letzte Woche-Pampelmusen
    schauen uns an
    wie schlechte Entscheidungen.
    Riechen auch so.

    Irgendwann ist jetzt.
    Oder kurz davor.
    Oder eben doch:
    nur Pampelmusen
    und sie
    und ich
    und kein Grund,
    das kaputtzudenken.



    Klang des Tages: Röyksopp - Breathe (feat. Astrid S)
  • unser dann

    was du hier gibst wenn du es nimmst was ich dir schenke und auch stehle für mich und dich und uns wir suchen reichen weichen gleichen und drängen laben graben wagen und dann glimmen grimmen schwimmen müssen kriechen siechen riechen und immer brennen trennen rennen ich lerne wärme lärme und raube glaube schnaube du schaust mich an und ich zu dir und du erzählst mir ohne worte du kannst finden binden winden hast du das was ich nun will und nimmst von mir wie du es willst und schreiben bleiben treiben nein und ja beide münder rufen suchen fluchen alle hände halten spalten falten unsere körper bücken drücken glücken deine augen weinen reinen scheinen offen dann geschlossen und mein puls wird jetzt dein atem wir beben weben leben wir rollen sollen grollen atem stoppt dein glucken nucken zucken und platzen kratzen schmatzen und mein beißen reißen schmeißen findet dein ducken schlucken mucken und auch kekeln ekeln rekeln wir liegen wiegen schmiegen unser dann

    frederik rentrop
    2025
  • Begriffsminiaturen leiser Exzesse

    Im Frühjahr dieses Jahres begann ich, Begriffe zu sammeln. Begriffsminiaturen, keine Aphorismen. Eher Beobachtungsnotizen. Schattenbegriffe, wenn man großzügig ist. Was auch immer es ist: Es beginnt mit einer Geste. Und endet in einem Schlusssatz, der alles ordnet. Die Sammlung läuft. Theoretisch.

    Zel·lo·phan·gier

    Das Abziehen der Zellophanfolie von einer Marlboro-Schachtel – eine Handlung, die man vor Nichtrauchern verbirgt, weil sie zeigt, dass man nicht will, sondern muss.

    Übertragen: Sucht zeigt Scham.

    Um·sturz·se·kun·de

    Der Moment, in dem ein Gedanke kippt. Eben noch Verbündeter, plötzlich Staatsanwalt. Man merkt: Verhandlungen zwecklos.

    Übertragen: Hoffnung wird Klarheit.

    Re·gen·ver·zehr·ge·neh·mi·gung

    Die selbst ausgestellte Erlaubnis, im Café noch einen Americano zu bestellen, weil es gleich regnen könnte. Meteorologie als Lebenshilfe.

    Übertragen: Ausrede wird Methode.

    Echo·spiel

    Das Hin- und Herschicken von Sprachnachrichten. Man spricht, aber nie gleichzeitig. Asynchrone Intimität für Leute, die Synchronität überfordert.

    Übertragen: Nähe bleibt Konjunktiv.

    Lösch·klar·heit

    Dieser sehr klare Moment nach dem Löschen von Mails, Chats, Kontakten – in dem Verlust sich wie Effizienz anfühlt. Für etwa zwanzig Minuten.

    Übertragen: Ordnung wird Illusion.

    Buch·raub·recht

    Die feste Überzeugung, dass Bücher nicht Eigentum sind, sondern Zuständigkeiten. Und dass man für diesen Kracht zuständiger ist als der Gastgeber.

    Übertragen: Aneignung wird Moral.

    Kof·fer·sehn·sucht

    Einen Rimowa packen, langsam, methodisch – nicht um zu gehen, sondern um zu demonstrieren, dass man könnte. Aufbruchsgeste als Interieur-Accessoire.

    Übertragen: Freiheit bleibt Theater.

    Kof·fer·last

    Gepäck, das mehr über die eigene Vorsicht erzählt als über die geplante Reise.

    Übertragen: Vorsicht ersetzt Vertrauen.

    Fla·schen·ab·schied

    Das Wegwerfen leerer Flaschen. Eben noch Petit Verdot und Gesprächsöffner, jetzt Altglas.

    Übertragen: Erinnerung wird Müll.

    Vor·wort·star·re

    Das Erstarren nach dem ersten Satz, wenn aus Vorhaben plötzlich Verpflichtung wird.

    Übertragen: Idee fordert Arbeit.

    Hem·den·leid

    Das diskrete Entsorgen von Hemden bei der Reinigung – nicht die billigen, die teuren. Die von früher, als man noch schmaler war oder optimistischer.

    Übertragen: Biografie wird Kragenweite.

    Nach·wort·lee·re

    Die Zufriedenheit, nur das Nachwort von Franzen gelesen zu haben und trotzdem mitreden zu können.

    Übertragen: Bildung wird Täuschung.

    Bü·cher·reu·e

    Das Wissen, dass man diesen Knausgård nie lesen wird – und ihn trotzdem nicht hergibt, weil er für eine Version von einem selbst steht, die man respektiert, ohne sie zu sein.

    Übertragen: Möglichkeit wird Möbelstück.

    Schluss·satz·wucht

    Der letzte Satz, der plötzlich alles ordnet. Auch das, was man nicht verstanden hat.

    Übertragen: Bedeutung wird Nachzügler.

    Erst·satz·last

    Der erste Satz, der sofort ein Versprechen abgibt – und man weiß schon beim Schreiben, dass man es nicht halten wird.

    Übertragen: Versprechen wird Lüge.

    Tür·um·schlag

    Das Schließen einer Tür – nicht laut, aber endgültig. Wie nach einer gescheiterten Verhandlung.

    Übertragen: Gegenwart wird Archiv.

    Auf·zugs·stil·le

    Das Schweigen zwischen Fremden im Aufzug – keine Feindseligkeit, nur Einverständnis darüber, dass man einander nichts bedeutet.

    Übertragen: Gleichgültigkeit wird Einverständnis.

  • Knock.

    Das Schlimmste:
    Sie kommt zu zweit nach Hause.

    Das Allerschlimmste:
    Absicht dahinter.
    Sex vielleicht.
    Für sie.
    Ohne mich.

    Tragisch.
    Klar.
    Aber:
    Jetzt grad –
    nicht der Fall.

    Sie kommt allein.
    Oder:
    nicht ganz allein.

    Ein Hund.
    Also:
    Sie mit Hund.
    Oder:
    Hund mit ihr.

    So wie sie geht.
    So wie sie tritt.
    So wie sie schreitet –
    zu angenehm.

    Ich stehe.
    Distanzwahrung vor der Tür.
    Wegen Geräuschen.
    Wegen Sichtbarkeit.
    Wegen allem.

    Keine Bewegung.
    Sie darf mich nicht hören.
    Unter keinen Umständen.

    Leichte Neigung nach vorn.
    Schrägstellung.
    Spion-Glas vergrößert.
    Ihr Abbild:
    lupenrein.

    Sie trägt:
    Schwarzer Wollmantel.
    Rock.
    Strumpfhosen.
    mmmh.

    Kopfkino:
    90er-Jahre-Film.
    Arthouse.
    Arte.
    Koproduktion mit Frankreich.
    Studienrat vibing.
    Zufall.
    Knall.
    Pathetisch.
    Sofort.

    Die Alte von oben:
    Runterstarrend.
    Spöttisch.
    Lüstern.
    Wein.
    Freundinnen.
    Erzählung.

    Dann:
    Fehler.

    Schwerkraft.
    Körper folgt Körper.
    Ein Schritt nach vorn –
    nicht gewollt.
    Knöchel.
    Tür.

    Knock.

    Ihr Blick.

    Fast direkt in mein Gesicht.
    Durch Holz.
    Durch Glas.

    Sie:
    Guckt.
    Tür:
    Da.
    Ich:
    Klebe.

    Sie kann mich nicht sehen.
    Hoffentlich.

    Nicht hören.
    Hoffentlich.

    Bleib still.
    Bleib einfach still.

    Stille:
    Im falschen Moment.


    Frederik Rentrop
    2024
  • Fenstersichten

    Fenster sind Übergänge – zwischen Innen und Außen, Blick und Bild. In dieser Serie treffen beide Räume still aufeinander. Was drinnen bleibt und was draußen sichtbar wird. Jedes Foto hält diesen kurzen Moment fest: Licht aus zwei Richtungen. Gegenseitig gerahmt.

    – eine Auswahl –

  • Druck. Schub.

    I
    Druck.

    Kein Gedicht. Nur ein abgerissener Typ am Tresen. Redet.
    „Kunst, Baby. Alles Kunst.“
    Und er grinst nicht.

    Nein. Ich grinse nicht.

    Musik scheppert von der Bühne, aus den Boxen. Vielleicht die Stooges; vielleicht nur irgendeine Coverband. Wer weiß das schon. Dröhnende Marshall-Türme über laute Drums.

    Ihr schaut zu, wie ich mich zerlege, und denkt, da steckt Haltung drin. So eine bewusste Geste. Aber nein. Es ist nichts weiter als Schwerkraft. Restschatten. Der Körper zieht nach unten. Das Gesicht auch. Und wenn’s nur noch klebt, dann ziehst du die Füße hoch. Als wär das irgendeine Lösung.

    Der Druck flüstert dir ins Ohr, dass morgen leichter wird. Er gibt mir Worte und zieht sie gleich zurück, als wären sie Pfand. Kellerbars sind ehrlicher. Niedrig. Feucht. Dreckiger Putz. Lichter flackern und blenden. Kein Ausblick. Ihr wollt ein Ende? Sehr gern. Schluss ohne Theater. Es folgt ein Drama im Verlieren. Nur Schatten. Fallend in die eigene Katastrophe.

    II
    Schub.

    Noch immer kein Gedicht. Nur ein brennender Typ vor den Boxen. Schreit.
    „Alles ist jetzt. Alles!“
    Und er meint es.

    Ja. Ich meine es.

    Musik prügelt. Hämmert von allen Seiten. Vielleicht PAWSA live; vielleicht nur eine Playlist. Die Rillen qualmen, die Höhen schrill, der Bass zu tief. Alles brummt. Alles übersteuert.

    Ihr schaut zu, wie ich mich zerreiße, und denkt, das ist Ekstase. Pure Auflösung. Aber nein. Es ist Starkstrom. Flutlicht. Ein Schlag auf die Augen. Und wenn’s dir auf die Nerven geht, drehst du den Pegel hoch. Noch höher. Bis alles platzt.

    Der Schub tut, als wär er Rettung. Worte wie Brand. Alles brennt. Sofort verbrannt. Nächte stoßen aus dem Rücken. Pfeifen durch die Zähne. Machen den Kopf scharf. Und irgendwo knackt es, als würde etwas reißen. Tempo. Kein Schlaf. Ihr wollt Kontrolle? Vergesst es. Die Hände spucken Seiten aus. Songs. Bilder. Chaos. Alles. Immer mehr. Zu viel. Feuer im Überschuss. Getrieben in die eigene Explosion.

    III
    Nichts. Alles.

    Gewicht und Feuer. Kontrolle? Scheiß drauf. Beide tanzen trotzdem. Ein Walzer im leeren Saal. Fallen. Stehen sofort wieder auf. Das Stück läuft weiter. Publikum fehlt. Ich stehe dazwischen. Still in der Mitte. Oder rennend im Kreis.

    Nichts tut so, als wäre es alles. Schnaps, der nichts hält. Mädchen, die morgen weg sind. Zeilen, die durchdrehen. Schatten stolpern zwischen Schweigen und Aufbruch. Fragen falsch, Antworten schon müde. Zerfall als Drehzahl.

    Ich feiere den Abriss und zähle Verluste wie Deckelstriche. Ich tanze die Idee, während der Pegel steigt. Wenn einer nach Wahrheit fragt, zeige ich das Glas, in das ich eben gespuckt habe. Sage: Das hier, heute. Nicht schön. Nicht klug. Aber tragfähig für den nächsten Satz.

    Ein Raum wird leer. Abspann über Standbild. Tonspur auf Schwarz. Ein Rest bleibt – und verschwindet sofort. Ein Wechsel ohne Richtung, kein Halt. Nur Wiederholung. Und ich tue, als wär’s eine Performance.

    Frederik Rentrop
    2020

  • Buffering

    Aufgewühlt im Rauschen, losgelöst, keine Strömung.
    Passagen kartographiert, die keine Karte kennt.
    Das Nichts bebt noch.
    Zeit sickert durch, niemand da.
    Momente entstehen, dann vorbei, treiben weg.
    Still gestellt – vibriert trotzdem.
    Schwach festgehalten – dann weg.
    Kein Rahmen mehr, keine Form.
    Nur dieses Gleiten um drei Uhr nachts.
    Zu vage um zu gehen – zu real um zu bleiben.

    Unter der Oberfläche gibt alles nach, verblasst wie bedruckter Stoff.
    Eingeätzt im Atem eines Versprechens – kalt geworden.
    Absichten losgelassen, Tageslicht kommt trotzdem. Brutal.
    Ein Aussetzer – Buffering – eine Verzerrung.
    Phrase zu Stein. Schatten falsch geworfen. Nichts zu haben.
    Man hat sowieso nichts – hatte nie.
    Licht durchs Fenster verlernt das Leuchten.
    Konturen aufgelöst, sieht aus wie Laphroaig.
    Versiegelt, vor dem Öffnen.
    Man verlernt alles, auch Fallen.
    Hineingezogen in Stille – fade to black.

    Keine Grenze mehr, kein Ende, kein Gesicht.
    Nur Stille, kommt näher, zieht sich zurück.
    Kein Selbst zum Folgen, auch keins zum Fliehen.
    Nur dazwischen, immer. Die eine Narbe, die bleibt.

    Frederik Rentrop
    2018