Rostock, 6. September 2025 – F. Rentrop – Zigarettenschachteln. Früher klein, Feuerzeug daneben. Jetzt riesige Pappziegel. Heute wirkt die kleine Packung wie Luxus. Aristokratie aus Karton. – Kurz nach meinem Umzug nach Halle hat mich in der Moritzburg ein Bild von Edvard Munch in Besitz genommen – Max Linde, 1904. Komplett. Es hat etwas mit mir gemacht, das wie Aufbruch wirkte. Kein Stillstand, kein Rückzug, sondern ein Drängen nach vorn. Und ich hatte vor, das Bild in meinen Besitz zu nehmen. Sprich: zu stehlen. Natürlich nicht ernsthaft, aber ernsthaft genug, dass ich den Gedanken mehrmals durchgespielt habe. Wäre auch schwierig geworden – allein schon wegen der Maße: 225 cm – und der Aufsicht. Idee: Einrollen? – und meines Charakters, wahrscheinlich. – Jetzt, kein Jahr später, sitze ich regelmäßig in Warnemünde. In dem Haus, in dem Munch gewohnt hat. Damals. Nun also ein Museum – durchaus mit „chen“ endend. Sitze da. Tue nichts.
Im Innenhof stand der Baum, unter dem Munch gesessen hat. Er musste gefällt werden. Zu alt, zu brüchig. Ein neuer ist gepflanzt. Noch dünn, noch schüchtern. Er wächst.
Und genau dann passiert das meiste. Wenn ich nichts tue. Wenn ich da sitze. Und alles trotzdem weiterläuft. – Ich schreibe weiter an Risslicht. Plündere meine alten Festplatten. Das digitale Äquivalent zu den Umzugskartons, die man nie auspackt. Und finde dort: mich selbst, Versionen, die ich schon vergessen hatte. Oder absichtlich verdrängt. – Ich habe eine neue Begriffsminiatur: Echospiel – Klang des Tages: Nils Frahm - Fundamental Values
Rostock, 20. August 2025 – F. Rentrop — Bin da reingestolpert, damals, in diese Designagentur. Reingestolpert – und aufgenommen. Gut aufgenommen. Besser, als man das eigentlich erwartet. Großzügig. Selbstverständlich: geteilte Imagination. — Ich wusste nichts. Ich konnte nichts. Ich wollte alles. – Und da warst du.
Fotografie: von dir gelernt, dass das wirklich Licht ist, nicht Technik. Ein Moment, eingefangen, als würde man eine Sekunde zum Leuchten zwingen. — Und Musik: von dir Jazz. Treibend seitdem. IPA: [jat͡sː] ~ Der Bass redet mit. Nicht Begleitung. Kein Hintergrund. Gespräch. Bass gleich Rhythmus. Ein zweiter Puls. Manchmal schneller als man selbst. Gerade dann wenn er langsam läuft. ~ Kunst also. Alles. Und ich – sofort fasziniert. Natürlich. ~ Gespräch mit dir in einem frischen Neujahr: ich / sie: – Bruch unausweichbar.
Dann hast du mir ein Instrumental geschickt. Einfach so. Als mich Rat nicht mehr erreicht hat. Aber deine Musik.
Und bis heute macht es mich leicht dieses zu hören. (Das passiert selten. Dass etwas leicht macht.) ~ Guter Mensch. Guter Künstler. In dieser Reihenfolge. In dieser Gewichtung. Und: Vorbild.
Rostock, 17. August 2025 – F. Rentrop – Kein Vorsatz. Kein Kalenderspruch. Nur: Eine, die blieb. Oder bleiben wollte. Ein Zeit. Ein Jetzt. Dann: Ein Abend. Mehr war’s nicht. Oder alles. Wer weiß das schon. – So viele Jahre: Alkohol – täglich. Klar. Eine Dekade als Soziotest. Alles mitgenommen.
Aber das war nur der Ton. Die Melodie lag woanders. Versteckt. Darunter: Zurückhaltung. Traurigkeit. Isolation.
Geistiger und körperlicher Verfall. Du weißt schon. Das ganze Set. Alkohol sucht eben.
Täglich? Bitte. Das war keine Abhängigkeit, das war Konzept. Kunst. Schmerz. Dreckig schön. Verloren oft. Verliebt nie nüchtern. Aber verliebt. – Dann – Ende Januar.
Ein Mädchen. Szene davor? Unwichtig – aber sie war’s. Wirklich. Sie. Zu nah. Zu wahr. Herz ruft, Kopf schweigt. Bleiben? Unmöglich. Kein Bruch, nur Stille. Ein Schritt zurück, der sticht. Ich geh. Sie bleibt.
Szenenwechsel: Spontan. Nicht geplant. Aber dringend. – Ich bin auf Station. Sicher.
Trinken – unmöglich.
Morgens aufwachen ohne diesen Dialog mit mir selbst, der dann eh wieder endet in „Na gut, dann halt viel Whiskey. Noch mehr. Morgen trinke ich dann nicht.“ – Drei Wochen. Klinikleben. Tee statt Pegel. Gruppe statt Kneipe. Zirkeltraining für die Seele. Und ich so: Okay, dann eben Wunderheilung. Also: Akzeptanz. – Seitdem: trocken.
Mehrere Monate jetzt. Ich zähle nicht mit – was ich selbstredend mache – aber ich weiß: ich bin klar. ich erlebe jetzt anders. Ohne Filter. Ohne Pegel. Manchmal härter. Aber echter.
Mehr, als ich verdient hab. Oder geglaubt hätte. – Ich hab getrunken, um nicht zu verlieren. Jetzt verliere ich, und weiß wieder, dass es was bedeutet hat. – Jetzt: Ostsee. 13 Wochen Rehabilitation – das heißt hier: „Suchtentwöhnung“.
Klingt wie: Ich hätte mir das alles angewöhnt.
Wie Rauchen. Oder Klavierspiel. Oder sich verlieben.
Alkohol war eine ernste Beziehung. Kein schlechter One-Night-Stand.
Jetzt also ent-wöhnen. Bitte. Ich war nie ge-wöhnt – ich war komplett drin.
Und: Meer Wenigstens das bleibt real – Geist: vital. Körper: auch.
Nicht ausblenden. Nicht bereuen. Einfach: begriffen. – Ich schaffe das. Bin mir sicher. Und: Ich. Will. Nie. Wieder. Trinken. – Menschen. In meinem Leben: Viele. - Kurz da. - Lang da.
Versteh ich nicht. Aber: find ich schön.
Und: Lien Attentif. Menschen, die dich halten, ohne zu greifen. Nicht geplant. Nicht gesucht. Nur da. Wie ein Versprecher, der plötzlich stimmt. – Und das ist der Stand. Nicht am Anfang. Nicht am Ende. Aber: mittendrin. – Klang des Tages: Seeed - Ticket
Halle (Saale), 13. Juli 2025 – F. Rentrop – Getrieben von irgendwann. Aber irgendwann – kontrollier ich das Ganze.
Safe. – In Sonne auf Kunstleder sitzen: erst warm, dann klebt’s, dann schämst du dich. Wird irgendwann heiß und falsch. Hab ich gemerkt, als wir aufstanden – sie zuerst – ich hinterher.
Statt Café plötzlich Saale. Schatten wechselt die Straßenseite. Wir auch. Nicht Hand in Hand, aber nebeneinander. Also: mehr. – Morgens. Küche. Sie ist da, wo ich nie bin. Kramt rum. Warum ich keinen Wasserhahn habe?
Dann zurück im Bett. Augen auf, sie hält Tüte hoch: „Willst du auch Kürbiskern-Nüsse?“ Hat sie gefunden. In meiner Küche. Wo sie eben war.
Klar will ich. Also: ja. Sag ich nicht. Aber nicke.
Küche danach. Eimer. Letzte Woche-Pampelmusen schauen mich an wie schlechte Entscheidungen. Riechen auch so. – Irgendwann ist jetzt. Oder kurz davor. Oder eben doch: nur eine Tüte Kürbiskerne und sie und ich und kein Grund, das kaputtzudenken. – Klang des Tages: Röyksopp - Breathe (feat. Astrid S)
Im Herbst 2024, nach meiner Ankunft in Halle, begann ich, Begriffe zu sammeln. Begriffsminiaturen, keine Aphorismen. Eher Beobachtungsnotizen. Schattenbegriffe, wenn man großzügig ist. Was auch immer es ist: Es beginnt mit einer Geste. Und endet mit einem Schlusssatz, der plötzlich alles ordnet. Die Sammlung läuft. Theoretisch.
Zel·lo·phan·gier
[essayistisch, selbstreflexiv]
Das Abziehen der Zellophanfolie von einer Marlboro-Schachtel – eine Handlung, die man vor Nichtrauchern verbirgt, weil sie zeigt, dass man nicht will, sondern muss.
Übertragen: Sucht zeigt Scham.
Um·sturz·se·kun·de
[essayistisch, lakonisch]
Der Moment, in dem ein Gedanke kippt. Eben noch Verbündeter, plötzlich Staatsanwalt. Man merkt: Verhandlungen zwecklos.
Übertragen: Hoffnung wird Klarheit.
Re·gen·ver·zehr·ge·neh·mi·gung
[feuilletonistisch, selbstreflexiv]
Die selbst ausgestellte Erlaubnis, im Café noch einen Americano zu bestellen, weil es gleich regnen könnte. Meteorologie als Lebenshilfe.
Übertragen: Ausrede wird Methode.
Echo·spiel
[essayistisch, selbstreflexiv]
Das Hin- und Herschicken von Sprachnachrichten. Man spricht, aber nie gleichzeitig. Asynchrone Intimität für Leute, die Synchronität überfordert.
Übertragen: Nähe bleibt Konjunktiv.
Lösch·klar·heit
[essayistisch, selbstreflexiv]
Dieser sehr klare Moment nach dem Löschen von Mails, Chats, Kontakten – in dem Verlust sich wie Effizienz anfühlt. Für etwa zwanzig Minuten.
Übertragen: Ordnung wird Illusion.
Buch·raub·recht
[essayistisch, feuilletonistisch]
Die feste Überzeugung, dass Bücher nicht Eigentum sind, sondern Zuständigkeiten. Und dass man für diesen Kracht zuständiger ist als der Gastgeber.
Übertragen: Aneignung wird Moral.
Kof·fer·sehn·sucht
[essayistisch, elegisch]
Einen Rimowa packen, langsam, methodisch – nicht um zu gehen, sondern um zu demonstrieren, dass man könnte. Aufbruchsgeste als Interieur-Accessoire.
Übertragen: Freiheit bleibt Theater.
Kof·fer·last
[feuilletonistisch, lakonisch]
Gepäck, das mehr über die eigene Vorsicht erzählt als über die geplante Reise.
Übertragen: Vorsicht ersetzt Vertrauen.
Fla·schen·ab·schied
[elegisch, lakonisch]
Das Wegwerfen leerer Flaschen. Eben noch Petit Verdot und Gesprächsöffner, jetzt Altglas.
Übertragen: Erinnerung wird Müll.
Vor·wort·star·re
[selbstreflexiv, essayistisch]
Das Erstarren nach dem ersten Satz, wenn aus Vorhaben plötzlich Verpflichtung wird.
Übertragen: Idee fordert Arbeit.
Hem·den·leid
[feuilletonistisch, lakonisch]
Das diskrete Entsorgen von Hemden bei der Reinigung – nicht die billigen, die teuren. Die von früher, als man noch schmaler war oder optimistischer.
Übertragen: Biografie wird Kragenweite.
Nach·wort·lee·re
[essayistisch, selbstreflexiv]
Die Zufriedenheit, nur das Nachwort von Franzen gelesen zu haben und trotzdem mitreden zu können.
Übertragen: Bildung wird Täuschung.
Bü·cher·reu·e
[essayistisch, elegisch]
Das Wissen, dass man diesen Knausgård nie lesen wird – und ihn trotzdem nicht hergibt, weil er für eine Version von einem selbst steht, die man respektiert, ohne sie zu sein.
Übertragen: Möglichkeit wird Möbelstück.
Schluss·satz·wucht
[essayistisch, elegisch]
Der letzte Satz, der plötzlich alles ordnet. Auch das, was man nicht verstanden hat.
Übertragen: Bedeutung wird Nachzügler.
Erst·satz·last
[essayistisch, selbstreflexiv]
Der erste Satz, der sofort ein Versprechen abgibt – und man weiß schon beim Schreiben, dass man es nicht halten wird.
Übertragen: Versprechen wird Lüge.
Tür·um·schlag
[essayistisch, elegisch]
Das Schließen einer Tür – nicht laut, aber endgültig. Wie nach einer gescheiterten Verhandlung.
Übertragen: Gegenwart wird Archiv.
Auf·zugs·stil·le
[feuilletonistisch, lakonisch]
Das Schweigen zwischen Fremden im Aufzug – keine Feindseligkeit, nur Einverständnis darüber, dass man einander nichts bedeutet.
Kein Gedicht. Nur ein abgerissener Typ am Tresen. Redet. „Kunst, Baby. Alles Kunst.“ Und er grinst nicht.
Nein. Ich grinse nicht.
Musik scheppert von der Bühne, aus den Boxen. Vielleicht die Stooges; vielleicht nur irgendeine Coverband. Wer weiß das schon. Dröhnende Marshall-Türme über laute Drums.
Ihr schaut zu, wie ich mich zerlege, und denkt, da steckt Haltung drin. So eine bewusste Geste. Aber nein. Es ist nichts weiter als Schwerkraft. Restschatten. Der Körper zieht nach unten. Das Gesicht auch. Und wenn’s nur noch klebt, dann ziehst du die Füße hoch. Als wär das irgendeine Lösung.
Der Druck flüstert dir ins Ohr, dass morgen leichter wird. Er gibt mir Worte und zieht sie gleich zurück, als wären sie Pfand. Kellerbars sind ehrlicher. Niedrig. Feucht. Dreckiger Putz. Leuchtstoffröhren flackern und blenden. Kein Ausblick. Ihr wollt ein Ende? Sehr gern. Schluss ohne Theater. Es folgt ein Drama im Verlieren. Nur Schatten. Fallend in die eigene Katastrophe.
II Schub.
Noch immer kein Gedicht. Nur ein brennender Typ vor den Boxen. Schreit. „Alles ist jetzt. Alles!“ Und er meint es.
Ja. Ich meine es.
Musik prügelt. Hämmert von allen Seiten. Vielleicht PAWSA live; vielleicht nur eine Playlist. Die Rillen qualmen, die Höhen schrill, der Bass zu tief. Alles brummt. Alles übersteuert.
Ihr schaut zu, wie ich mich zerreiße, und denkt, das ist Ekstase. Pure Auflösung. Aber nein. Es ist Starkstrom. Flutlicht. Ein Schlag auf die Augen. Und wenn’s dir auf die Nerven geht, drehst du den Pegel hoch. Noch höher. Bis alles platzt.
Der Schub tut, als wär er Rettung. Worte wie Brand. Alles brennt. Sofort verbrannt. Nächte stoßen aus dem Rücken. Pfeifen durch die Zähne. Machen den Kopf scharf. Und irgendwo knackt es, als würde etwas reißen. Tempo. Kein Schlaf. Ihr wollt Kontrolle? Vergesst es. Die Hände spucken Seiten. Songs. Bilder. Chaos. Alles. Immer mehr. Zu viel. Feuer im Überschuss. Getrieben in die eigene Explosion.
III Nichts. Alles.
Gewicht und Feuer. Kontrolle? Scheiß drauf. Beide tanzen trotzdem. Ein Walzer im leeren Saal. Fallen. Sofort wieder auf. Das Stück läuft weiter. Publikum fehlt. Ich stehe dazwischen. Festgenagelt in der Mitte. Oder getrieben im Kreis.
Nichts tut so, als wäre es alles. Schnaps, der nichts hält. Mädchen, die morgen weg sind. Zeilen, die durchdrehen. Schatten stolpern zwischen Schweigen und Aufbruch. Fragen falsch, Antworten schon müde. Zerfall als Drehzahl.
Ich feiere den Abriss und zähle Verluste wie Deckelstriche. Ich tanze die Idee, während der Pegel steigt. Wenn einer nach Wahrheit fragt, zeige ich das Glas, in das ich eben gespuckt habe. Sage: Das hier, heute. Nicht schön. Nicht klug. Aber tragfähig für den nächsten Satz.
Ein Raum wird leer. Abspann über Standbild. Tonspur auf Schwarz. Ein Rest bleibt – und verschwindet sofort. Ein Wechsel ohne Richtung, kein Halt. Nur Wiederholung. Und ich tue, als wär’s eine Performance.
Fenster sind Übergänge – zwischen Innen und Außen, Blick und Bild. In dieser Serie treffen beide Räume still aufeinander. Was drinnen bleibt, was draußen sichtbar wird. Jedes Foto hält diesen kurzen Moment fest: Licht aus zwei Richtungen. Innen und Außen, gegenseitig gerahmt.
– eine Auswahl –
Im Rheinland (2023)In New York City (2011)Im Oberbergischen (2023)In Oregon (2013)In Seattle (2013)
Aufgewühlt im Rauschen, losgelöst, keine Strömung. Passagen kartographiert, die keine Karte kennt. Das Nichts bebt noch. Zeit sickert durch, niemand da. Momente entstehen, dann vorbei, treiben weg. Still gestellt. Vibriert trotzdem. Schwach festgehalten, dann weg. Kein Rahmen mehr, keine Form. Nur dieses Gleiten um drei Uhr nachts. Zu vage um zu bleiben, zu real um zu gehen. – Unter der Oberfläche gibt alles nach, verblasst wie bedruckter Stoff. Eingeätzt im Atem eines Versprechens, kalt geworden. Absichten losgelassen, Tageslicht kommt trotzdem. Brutal. Ein Aussetzer, Buffering, eine Verzerrung. Phrase zu Stein. Schatten falsch geworfen. Nichts zu haben. Man hat sowieso nichts. Hatte nie. Licht durchs Leinen verlernt das Leuchten. Konturen aufgelöst, sieht aus wie Laphroaig. Versiegelt, vor dem Öffnen. Man verlernt alles, auch Fallen. Hineingezogen in Stille, fade to black. – Keine Grenze mehr, kein Ende, kein Gesicht. Nur Stille, kommt näher, zieht sich zurück. Kein Selbst zum Folgen, auch keins zum Fliehen. Nur dazwischen, immer. Die eine Narbe, die bleibt. – Frederik Rentrop 2018