Es spiegelt sich seltsam im Glas,
die Form entzieht sich dem Blick.
In Schichten gebrochen, unsichtbar,
zerfällt der Umriss zu Schleiern.
Kein Halt in der Fläche, kein Griff,
doch jedes Detail drängt nach Grund.
Die Leere füllt sich mit Ahnung,
die Fülle verläuft in Schweigen.
Ein Wille, der nicht wählen kann,
ein Zug, ein Drang, ein Ganzes –
ein Atem hält, dann löst er sich,
das Maß verliert sich im Entgleiten.
Farbwert – schon ausgehungert.
Die Haut liegt still über Knochen.
Der Spiegel lügt – lügt leise –
zeigt Fülle, dann Zuviel, dann nichts.
Sättigung – schon übervoll.
Die Haut gedehnt bis zur Grenze.
Der Spiegel lügt – lügt laut –
zeigt Leere, dann Zuwenig, dann nichts.
Frederik Rentrop
2025
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Farbwert / Sättigung
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Carrowbeg – A Night By Design
Tiefer Bass trägt Piano durch die Dunkelheit, langsam und ohne Eile, der Rhythmus schleppend und treibend zugleich. Die Struktur entfaltet sich in Schleifen, die sich wiederholen, vertiefen und schichten, bis sie sich entladen. Eine Nacht, bewusst konstruiert – die Tiefe hält, die Wärme bleibt.
Lo-Fi · Downtempo · 2025
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unser dann
was du hier gibst wenn du es nimmst was ich dir schenke und auch stehle für mich und dich und uns wir suchen reichen weichen gleichen und drängen laben graben wagen und dann glimmen grimmen schwimmen müssen kriechen siechen riechen und immer brennen trennen rennen ich lerne wärme lärme und raube glaube schnaube du schaust mich an und ich zu dir und du erzählst mir ohne worte du kannst finden binden winden hast du das was ich nun will und nimmst von mir wie du es willst und schreiben bleiben treiben nein und ja beide münder rufen suchen fluchen alle hände halten spalten falten unsere körper bücken drücken glücken deine augen weinen reinen scheinen offen dann geschlossen und mein puls wird jetzt dein atem wir beben weben leben wir rollen sollen grollen atem stoppt dein glucken nucken zucken und platzen kratzen schmatzen und mein beißen reißen schmeißen findet dein ducken schlucken mucken und auch kekeln ekeln rekeln wir liegen wiegen schmiegen unser dann
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frederik rentrop
2025 -
Begriffsminiaturen leiser Exzesse
Im Frühjahr dieses Jahres begann ich, Begriffe zu sammeln, Beobachtungsnotizen. Schattenbegriffe, wenn man großzügig ist. Was auch immer es ist: Es beginnt mit einer Geste. Und endet in einem Schlusssatz, der alles ordnet. Die Sammlung läuft. Theoretisch.
Zel·lo·phan·gier
[essayistisch, selbstreflexiv]
Das Abziehen der Zellophanfolie von einer Marlboro-Schachtel – eine Handlung, die man vor Nichtrauchern verbirgt, weil sie zeigt, dass man nicht will, sondern muss.
Übertragen: Sucht zeigt Scham.
Um·sturz·se·kun·de
[essayistisch, lakonisch]
Der Moment, in dem ein Gedanke kippt. Eben noch Verbündeter, plötzlich Staatsanwalt. Man merkt: Verhandlungen zwecklos.
Übertragen: Hoffnung wird Klarheit.
Re·gen·ver·zehr·ge·neh·mi·gung
[feuilletonistisch, selbstreflexiv]
Die selbst ausgestellte Erlaubnis, im Café noch einen Americano zu bestellen, weil es gleich regnen könnte. Meteorologie als Lebenshilfe.
Übertragen: Ausrede wird Methode.
Echo·spiel
[essayistisch, selbstreflexiv]
Das Hin- und Herschicken von Sprachnachrichten. Man spricht, aber nie gleichzeitig. Asynchrone Intimität für Leute, die Synchronität überfordert.
Übertragen: Nähe bleibt Konjunktiv.
Lösch·klar·heit
[essayistisch, selbstreflexiv]
Dieser sehr klare Moment nach dem Löschen von Mails, Chats, Kontakten – in dem Verlust sich wie Effizienz anfühlt. Für etwa zwanzig Minuten.
Übertragen: Ordnung wird Illusion.
Buch·raub·recht
[essayistisch, feuilletonistisch]
Die feste Überzeugung, dass Bücher nicht Eigentum sind, sondern Zuständigkeiten. Und dass man für diesen Kracht zuständiger ist als der Gastgeber.
Übertragen: Aneignung wird Moral.
Kof·fer·sehn·sucht
[essayistisch, elegisch]
Einen Rimowa packen, langsam, methodisch – nicht um zu gehen, sondern um zu demonstrieren, dass man könnte. Aufbruchsgeste als Interieur-Accessoire.
Übertragen: Freiheit bleibt Theater.
Kof·fer·last
[feuilletonistisch, lakonisch]
Gepäck, das mehr über die eigene Vorsicht erzählt als über die geplante Reise.
Übertragen: Vorsicht ersetzt Vertrauen.
Fla·schen·ab·schied
[elegisch, lakonisch]
Das Wegwerfen leerer Flaschen. Eben noch Petit Verdot und Gesprächsöffner, jetzt Altglas.
Übertragen: Erinnerung wird Müll.
Vor·wort·star·re
[selbstreflexiv, essayistisch]
Das Erstarren nach dem ersten Satz, wenn aus Vorhaben plötzlich Verpflichtung wird.
Übertragen: Idee fordert Arbeit.
Hem·den·leid
[feuilletonistisch, lakonisch]
Das diskrete Entsorgen von Hemden bei der Reinigung – nicht die billigen, die teuren. Die von früher, als man noch schmaler war oder optimistischer.
Übertragen: Biografie wird Kragenweite.
Nach·wort·lee·re
[essayistisch, selbstreflexiv]
Die Zufriedenheit, nur das Nachwort von Franzen gelesen zu haben und trotzdem mitreden zu können.
Übertragen: Bildung wird Täuschung.
Bü·cher·reu·e
[essayistisch, elegisch]
Das Wissen, dass man diesen Knausgård nie lesen wird – und ihn trotzdem nicht hergibt, weil er für eine Version von einem selbst steht, die man respektiert, ohne sie zu sein.
Übertragen: Möglichkeit wird Möbelstück.
Schluss·satz·wucht
[essayistisch, elegisch]
Der letzte Satz, der plötzlich alles ordnet. Auch das, was man nicht verstanden hat.
Übertragen: Bedeutung wird Nachzügler.
Erst·satz·last
[essayistisch, selbstreflexiv]
Der erste Satz, der sofort ein Versprechen abgibt – und man weiß schon beim Schreiben, dass man es nicht halten wird.
Übertragen: Versprechen wird Lüge.
Tür·um·schlag
[essayistisch, elegisch]
Das Schließen einer Tür – nicht laut, aber endgültig. Wie nach einer gescheiterten Verhandlung.
Übertragen: Gegenwart wird Archiv.
Auf·zugs·stil·le
[feuilletonistisch, lakonisch]
Das Schweigen zwischen Fremden im Aufzug – keine Feindseligkeit, nur Einverständnis darüber, dass man einander nichts bedeutet.
Übertragen: Gleichgültigkeit wird Einverständnis.
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Knock.
Das Schlimmste:
Sie kommt zu zweit nach Hause.
Das Allerschlimmste:
Absicht dahinter.
Sex vielleicht.
Für sie.
Ohne mich.
Tragisch.
Klar.
Aber:
Jetzt grad –
nicht der Fall.
Sie kommt allein.
Oder:
nicht ganz allein.
Ein Hund.
Also:
Sie mit Hund.
Oder:
Hund mit ihr.
So wie sie geht.
So wie sie tritt.
So wie sie schreitet –
zu angenehm.
Ich stehe.
Distanzwahrung vor der Tür.
Wegen Geräuschen.
Wegen Sichtbarkeit.
Wegen allem.
Keine Bewegung.
Sie darf mich nicht hören.
Unter keinen Umständen.
Leichte Neigung nach vorn.
Schrägstellung.
Spion-Glas vergrößert.
Ihr Abbild:
lupenrein.
Sie trägt:
Schwarzer Wollmantel.
Rock.
Strumpfhosen.
mmmh.
Kopfkino:
90er-Jahre-Film.
Arthouse.
Arte.
Koproduktion mit Frankreich.
Studienrat vibing.
Zufall.
Knall.
Pathetisch.
Sofort.
Die Alte von oben:
Runterstarrend.
Spöttisch.
Lüstern.
Wein.
Freundinnen.
Erzählung.
Dann:
Fehler.
Schwerkraft.
Körper folgt Körper.
Ein Schritt nach vorn –
nicht gewollt.
Knöchel.
Tür.
Knock.
Ihr Blick.
Fast direkt in mein Gesicht.
Durch Holz.
Durch Glas.
Sie:
Guckt.
Tür:
Da.
Ich:
Klebe.
Sie kann mich nicht sehen.
Hoffentlich.
Nicht hören.
Hoffentlich.
Bleib still.
Bleib einfach still.
Stille:
Im falschen Moment.
–
Frederik Rentrop
2024 -
Fenstersichten
Fenster sind Übergänge: zwischen Innen und Außen, Blick und Bild. In dieser Serie treffen beide Räume still aufeinander. Was drinnen bleibt und was draußen sichtbar wird. Jedes Foto hält diesen kurzen Moment fest: Licht aus zwei Richtungen. Gegenseitig gerahmt.
– eine Auswahl –

Im Rheinland (2023) 
Im Oberbergischen (2023) 
In New York City (2011) 
In Oregon (2013) 
In Seattle (2013)


