Schlagwort: Essayistik

  • Begriffsminiaturen leiser Exzesse

    Im Herbst 2024, nach meiner Ankunft in Halle, begann ich, Begriffe zu sammeln. Begriffsminiaturen, keine Aphorismen. Eher Beobachtungsnotizen. Schattenbegriffe, wenn man großzügig ist. Was auch immer es ist: Es beginnt mit einer Geste. Und endet mit einem Schlusssatz, der plötzlich alles ordnet. Die Sammlung läuft. Theoretisch.

    Zel·lo·phan·gier

    Das Abziehen der Zellophanfolie von einer Marlboro-Schachtel – eine Handlung, die man vor Nichtrauchern verbirgt, weil sie zeigt, dass man nicht will, sondern muss.

    Übertragen: Sucht zeigt Scham.

    Um·sturz·se·kun·de

    Der Moment, in dem ein Gedanke kippt. Eben noch Verbündeter, plötzlich Staatsanwalt. Man merkt: Verhandlungen zwecklos.

    Übertragen: Hoffnung wird Klarheit.

    Re·gen·ver·zehr·ge·neh·mi·gung

    Die selbst ausgestellte Erlaubnis, im Café noch einen Americano zu bestellen, weil es gleich regnen könnte. Meteorologie als Lebenshilfe.

    Übertragen: Ausrede wird Methode.

    Echo·spiel

    Das Hin- und Herschicken von Sprachnachrichten. Man spricht, aber nie gleichzeitig. Asynchrone Intimität für Leute, die Synchronität überfordert.

    Übertragen: Nähe bleibt Konjunktiv.

    Lösch·klar·heit

    Dieser sehr klare Moment nach dem Löschen von Mails, Chats, Kontakten – in dem Verlust sich wie Effizienz anfühlt. Für etwa zwanzig Minuten.

    Übertragen: Ordnung wird Illusion.

    Buch·raub·recht

    Die feste Überzeugung, dass Bücher nicht Eigentum sind, sondern Zuständigkeiten. Und dass man für diesen Kracht zuständiger ist als der Gastgeber.

    Übertragen: Aneignung wird Moral.

    Kof·fer·sehn·sucht

    Einen Rimowa packen, langsam, methodisch – nicht um zu gehen, sondern um zu demonstrieren, dass man könnte. Aufbruchsgeste als Interieur-Accessoire.

    Übertragen: Freiheit bleibt Theater.

    Kof·fer·last

    Gepäck, das mehr über die eigene Vorsicht erzählt als über die geplante Reise.

    Übertragen: Vorsicht ersetzt Vertrauen.

    Fla·schen·ab·schied

    Das Wegwerfen leerer Flaschen. Eben noch Petit Verdot und Gesprächsöffner, jetzt Altglas.

    Übertragen: Erinnerung wird Müll.

    Vor·wort·star·re

    Das Erstarren nach dem ersten Satz, wenn aus Vorhaben plötzlich Verpflichtung wird.

    Übertragen: Idee fordert Arbeit.

    Hem·den·leid

    Das diskrete Entsorgen von Hemden bei der Reinigung – nicht die billigen, die teuren. Die von früher, als man noch schmaler war oder optimistischer.

    Übertragen: Biografie wird Kragenweite.

    Nach·wort·lee·re

    Die Zufriedenheit, nur das Nachwort von Franzen gelesen zu haben und trotzdem mitreden zu können.

    Übertragen: Bildung wird Täuschung.

    Bü·cher·reu·e

    Das Wissen, dass man diesen Knausgård nie lesen wird – und ihn trotzdem nicht hergibt, weil er für eine Version von einem selbst steht, die man respektiert, ohne sie zu sein.

    Übertragen: Möglichkeit wird Möbelstück.

    Schluss·satz·wucht

    Der letzte Satz, der plötzlich alles ordnet. Auch das, was man nicht verstanden hat.

    Übertragen: Bedeutung wird Nachzügler.

    Erst·satz·last

    Der erste Satz, der sofort ein Versprechen abgibt – und man weiß schon beim Schreiben, dass man es nicht halten wird.

    Übertragen: Versprechen wird Lüge.

    Tür·um·schlag

    Das Schließen einer Tür – nicht laut, aber endgültig. Wie nach einer gescheiterten Verhandlung.

    Übertragen: Gegenwart wird Archiv.

    Auf·zugs·stil·le

    Das Schweigen zwischen Fremden im Aufzug – keine Feindseligkeit, nur Einverständnis darüber, dass man einander nichts bedeutet.

    Übertragen: Gleichgültigkeit wird Einverständnis.