Der Keilruf erscheint. Siehst du? Es steht noch die Wand, und das Licht trifft den Schall. Im Stand still daran. Siehst du? Nun siehst du. Hast weniger zu allem als darüber gebracht.
Die Kleider an Leinen schon nicht mehr nass, und der Wind drückt die Tropfen ebenso sanft vorbei.
Es steht noch die Wand.
Das Licht giert ein wenig im Hier, und die Tropfen behalten alles für sich.
Frederik Rentrop
2026
Schlagwort: Lyrik
Farbwert / Sättigung
Es spiegelt sich seltsam im Glas,
die Form entzieht sich dem Blick.
In Schichten gebrochen, unsichtbar,
zerfällt der Umriss zu Schleiern.
Kein Halt in der Fläche, kein Griff,
doch jedes Detail drängt nach Grund.
Die Leere füllt sich mit Ahnung,
die Fülle verläuft in Schweigen.
Ein Wille, der nicht wählen kann,
ein Zug, ein Drang, ein Ganzes –
ein Atem hält, dann löst er sich,
das Maß verliert sich im Entgleiten.
Farbwert – schon ausgehungert.
Die Haut liegt still über Knochen.
Der Spiegel lügt – lügt leise –
zeigt Fülle, dann Zuviel, dann nichts.
Sättigung – schon übervoll.
Die Haut gedehnt bis zur Grenze.
Der Spiegel lügt – lügt laut –
zeigt Leere, dann Zuwenig, dann nichts.
Frederik Rentrop
2025
unser dann
was du hier gibst wenn du es nimmst was ich dir schenke und auch stehle für mich und dich und uns wir suchen reichen weichen gleichen und drängen laben graben wagen und dann glimmen grimmen schwimmen müssen kriechen siechen riechen und immer brennen trennen rennen ich lerne wärme lärme und raube glaube schnaube du schaust mich an und ich zu dir und du erzählst mir ohne worte du kannst finden binden winden hast du das was ich nun will und nimmst von mir wie du es willst und schreiben bleiben treiben nein und ja beide münder rufen suchen fluchen alle hände halten spalten falten unsere körper bücken drücken glücken deine augen weinen reinen scheinen offen dann geschlossen und mein puls wird jetzt dein atem wir beben weben leben wir rollen sollen grollen atem stoppt dein glucken nucken zucken und platzen kratzen schmatzen und mein beißen reißen schmeißen findet dein ducken schlucken mucken und auch kekeln ekeln rekeln wir liegen wiegen schmiegen unser dann
–
frederik rentrop
2025
Knock.
Das Schlimmste:
Sie kommt zu zweit nach Hause.
Das Allerschlimmste:
Absicht dahinter.
Sex vielleicht.
Für sie.
Ohne mich.
Tragisch.
Klar.
Aber:
Jetzt grad –
nicht der Fall.
Sie kommt allein.
Oder:
nicht ganz allein.
Ein Hund.
Also:
Sie mit Hund.
Oder:
Hund mit ihr.
So wie sie geht.
So wie sie tritt.
So wie sie schreitet –
zu angenehm.
Ich stehe.
Distanzwahrung vor der Tür.
Wegen Geräuschen.
Wegen Sichtbarkeit.
Wegen allem.
Keine Bewegung.
Sie darf mich nicht hören.
Unter keinen Umständen.
Leichte Neigung nach vorn.
Schrägstellung.
Spion-Glas vergrößert.
Ihr Abbild:
lupenrein.
Sie trägt:
Schwarzer Wollmantel.
Rock.
Strumpfhosen.
mmmh.
Kopfkino:
90er-Jahre-Film.
Arthouse.
Arte.
Koproduktion mit Frankreich.
Studienrat vibing.
Zufall.
Knall.
Pathetisch.
Sofort.
Die Alte von oben:
Runterstarrend.
Spöttisch.
Lüstern.
Wein.
Freundinnen.
Erzählung.
Dann:
Fehler.
Schwerkraft.
Körper folgt Körper.
Ein Schritt nach vorn –
nicht gewollt.
Knöchel.
Tür.
Knock.
Ihr Blick.
Fast direkt in mein Gesicht.
Durch Holz.
Durch Glas.
Sie:
Guckt.
Tür:
Da.
Ich:
Klebe.
Sie kann mich nicht sehen.
Hoffentlich.
Nicht hören.
Hoffentlich.
Bleib still.
Bleib einfach still.
Stille:
Im falschen Moment.
–
Frederik Rentrop
2024
Buffering
Aufgewühlt im Rauschen, losgelöst, keine Strömung.
Passagen kartographiert, die keine Karte kennt.
Das Nichts bebt noch.
Zeit sickert durch, niemand da.
Momente entstehen, dann vorbei, treiben weg.
Still gestellt – vibriert trotzdem.
Schwach festgehalten – dann weg.
Kein Rahmen mehr, keine Form.
Nur dieses Gleiten um drei Uhr nachts.
Zu vage um zu gehen – zu real um zu bleiben.
–
Unter der Oberfläche gibt alles nach, verblasst wie bedruckter Stoff.
Eingeätzt im Atem eines Versprechens – kalt geworden.
Absichten losgelassen, Tageslicht kommt trotzdem. Brutal.
Ein Aussetzer – Buffering – eine Verzerrung.
Phrase zu Stein. Schatten falsch geworfen. Nichts zu haben.
Man hat sowieso nichts – hatte nie.
Licht durchs Fenster verlernt das Leuchten.
Konturen aufgelöst, sieht aus wie Laphroaig.
Versiegelt, vor dem Öffnen.
Man verlernt alles, auch Fallen.
Hineingezogen in Stille – fade to black.
–
Keine Grenze mehr, kein Ende, kein Gesicht.
Nur Stille, kommt näher, zieht sich zurück.
Kein Selbst zum Folgen, auch keins zum Fliehen.
–
Frederik Rentrop
2018
Kippt
INT. HOTELZIMMER – TAG
Scheiben schwitzen.
Die Wände atmen nicht.
Whiskey. Schweiß.
Ich hocke hier,
als wär's mein Geruch,
der nicht geht.
Fernseher: Stumm.
Das Fenster hält Atem.
Ein Hauch,
fast nichts,
trägt Kälte.
Die Weite
nicht für mich.
Lärm schlägt durch.
Zu nah.
Stimmen
von früher,
nicht mehr zu ertragen.
EXT. STRASSE – NACHT
Glück kippt.
Mond: Scheinwerfer.
Mein Kopf im Rausch.
Straßen taunass.
Lampen fahl.
Schatten stolpern, hungrig,
verloren.
INT. HOTELZIMMER – NACHT (SPÄTER)
Zwei Menschen.
Unser Atem zu nah.
Salz-Erdnuss-Finger
an deiner Hand.
Ein Hauch,
fast nichts,
trägt Wärme.
Kurzer Sieg,
sofort verloren.
Wiederholt.
Neben mir:
die Flasche.
Trennt mich vom Leben,
wie draußen
von drinnen.
Schraubverschluss klebt.
Ich hebe sie an,
was mich halten sollte,
kippt raus.
Nacht am Fenster.
Draußen geht ein Licht an.
Meins nicht.
–
Frederik Rentrop
2017
Puls sine fine
Aër inclinans tacitus movetur.
Puls: cor tremit in me – corpora nostra fremd.
Philos quaerimus – corpus mutat: Eros.
Begehren pulsans, Sehnsucht intus.
Forma nova vocat – sie mich, ich sie.
Eam prope tenui.
Non dixi: „Mea es."
Subter: Glut – nulla superficies tenet.
Meine Hand ad collum – nicht von mir allein
sed ex voto eius: unser Begehren.
Illa – oculis ardentibus –
manum meam duxit ad collum suum, drückte sie dort, hielt sie, ließ nicht los.
In meinen Fingern: ihre Lust, klar – puls sub cute – ich las: volles Ja. Befehl.
Mein Zögern weicht.
Meine Lust wächst.
At illa in silentio meo legit:
Erlaubnis, premere fortius.
Lust ardet in umbra.
Blut – margo flectitur: Grenze.
Verlangen per medium, sanft.
Glanz ihrer Haut – lumen oculis dedit.
Suspirium eius leicht.
Ihre Wärme accendit flammam.
Postea – sero – scivi:
Was sie wollte war echt, sed non libera.
Umbra vetusta – lumen oculis abstulit.
Memoria subter, alte Wunde kehrt.
Ich sah die Flamme, nicht den Grund des Feuers.
Meine Lust sah nur ihre Lust – nicht die Wunde.
Illa deutet mein Schweigen:
Erlaubnis ohne Maß.
Recessi per viam quam ambo scimus.
Spur haftet nah.
Tage trennen, vinculum hält.
Sie bindet mich.
Nulla verba, nullae scenae.
Glanz zwischen uns et umbra interpres.
Quod restat:
Glut ohne Namen.
Puls sine fine.
Et inter omnia ardet:
Schweigen – das keiner richtig liest.
Frederik Rentrop
2016
Flutmond
Sie stolpert durch die Stunden,
Kopf schwer, Sicht nur ein Spalt.
Raus will sie, raus aus dem Käfig.
Sie sieht es nicht. Will es nicht sehen.
Sehnsucht glimmt. Dunkel zieht sie tiefer.
–
Sie ist nah, wieder weg, scheu wie ein Streuner.
Ich flüstere von Straßen, Nebel, Flucht.
Sie hört hin, und etwas bewegt sich.
Ihr Herz schlägt schnell, ein neuer Takt.
Ein Gedanke greift, nimmt sie mit.
Glut, noch kein Feuer.
––
Ihr Blick brennt, Funken in der Luft.
Stille wird hörbar, ihr Zweifel sinkt.
Sie will Sturm – roh, ohne Schmuck.
Sie kehrt sich um, das Scheue zeigt sich,
wölbt sich, gibt preis.
Sie atmet auf.
Dunkelheit bricht auf – ich dränge vor, ein Ruck.
Ein Zögern – das sich löst.
Strom bricht los, wild und zart zugleich.
Schmerz blüht, sie errötet. Sie atmet tief.
Pein wird Lust.
––––
Das Meer rauscht in meinem Kopf.
Die Wand reibt an ihrer Schläfe.
Ihr Leib glüht – vertraut und fremd.
Klar und gefährlich.
Ihr Kinn hebt sich, zeigt Hals. Mein Druck, der wiegt.
Begierde steigt, süß und falsch.
Die Flamme tanzt auf Glut.
Sie folgt – wird Wort, wird echt.
Ihr Schrei zerreißt die Luft.
Zwei Ströme in einem Fluss.
Das Beben macht sie frei.
––––––––
Und über allem hängt der Flutmond.
Er hält. Die Erde ruht unter ihr.
Die Nacht bricht ein. Sie bleibt – getragen.
Und sie weiß.
–
Frederik Rentrop
2015
Mehr Glut als Plan
Wir,
beim Tanz auf der Glut,
im Vulkan an einem Dienstag,
komplett übermotiviert.
–
Du rutschst fast weg,
Hals voran, stolz mit Absicht.
Ich halte dich,
weil irgendwer ja
immer plötzlich irgendwen halten will.
–
Und greife zu
mit ganzer Hand
an deinem Puls,
na klar,
etwas mehr Druck –
dass es dir noch
nach Liebe schmeckt.
–
Dann:
der Ausbruch,
Filmreife Szene.
Feuer, Rauch und Asche,
wir sehen nichts mehr,
nicht mal uns.
–
Aber hey:
wir leuchten,
immerhin.
Zwei Flammen,
die glauben,
sie wären Sterne.
–
Ich habe dich gerufen.
Oder du mich.
Vielleicht sind’s
auch nur Echos.
Egal.
Klingt gut.
–
Frederik Rentrop
2014
Push-Nachricht um Mitternacht
Erzähl mir das Ende
dieser Geschichte,
noch bevor sie sich selbst schreibt.
Nur ein Stück,
gerade genug,
um zu ahnen,
wer du wirklich bist:
unter deiner Haut,
hinter deinem Lächeln,
in deinen Augen,
–
die sich öffnen,
dann blitzen,
kurz schließen,
und dann brennen.
Als wüsstest du's nicht,
dass ich dich gerne lese,
so wie man nachts
von einer Push-Nachricht geweckt wird
und sich trotzdem freut,
und sich den Rest
für den Morgen aufhebt,
–
und ja,
das stimmt schon.
Mehr, als du denkst.
–
Denn ich kenne
deine Stimme,
deine Worte,
Blicke,
dieses Glucksen,
diese kleinen Bewegungen,
die du machst,
wenn du glaubst,
keiner sieht's.
(Spoiler: doch.)
–
Wenn du lachst,
wird alles
sofort ein bisschen
leichter,
wie nebenbei,
ein stiller Hinweis,
dass du's denkst
und ich's spüre,
diese Spannung,
wenn keiner was sagt:
und trotzdem alles passiert.
–
Denn immer,
wenn du da bist,
bleibt diese Geschichte.
Bis zur letzten Zeile.
Irgendwann.
(Vielleicht)
–
Frederik Rentrop
2014